Neue Bühne Bruck
Brucker SZ vom 06. Februar 2021:

"Wow, rot!"

Wie Andreas Harwath mit seinem Solo-Programm "Falscher Abgang" das Publikum begeistert, fühlt sich an wie ein Frühlingserwachen.

Die Premiere von Andreas Harwaths Soloprogramm "Falscher Abgang" fühlt sich an wie ein Frühlingserwachen. Für Februar ist es ein vergleichsweise milder Abend, und dank der 50-Prozent-Publikumsregel ein vergleichsweise ein volles Haus. Durch die nicht mehr ganz so riesigen Abstände finden sogar wieder Gespräche statt. Die aufgepoppte Bar am Bühnenrand mit dem nachhaltigen Namen "WiederverwertBar" erfreut sich sowohl bei Beginn der ausverkauften Vorstellung wie auch in der Pause heftiger Nutzung. Statt fester Preise eine Spende für Bier, Wein, Sekt und Aperol - so wenig Reglement hebt die Laune. Beste Voraussetzung für Kultur.

Gespielt das Publikum beschimpfend, scheucht Andreas Harwath die letzten "Prokastrinationsbiesler" vom Klo und das lautstark durch die Maske plaudernde "Provinz-Gschwerl" auf seine Plätze, um vom Leben und Werden seines Schauspieler-Daseins zu erzählen. Durch den Kniff, das Ende seiner Karriere anzukündigen, definiert sich Harwath als Mensch unter Menschen, egal ob Bühne oder Zuschauerraum. Hier bildet sich eine verschworene Kulturgemeinschaft, das Glück im Raum ist deutlich spürbar.

Wieder einmal gelingt der Neuen Bühne Bruck ein Meisterstück, nämlich den Zuschauer in eine andere Welt zu entführen. Und wieder einmal gelingt es mit den Kräften der Imagination.

Die Tür zu einer anderen Welt wird aufgeschlossen und jeder darf hinein

An entscheidender Stelle öffnet Andreas Harwath seine Instrumentenbox der Pandora und holt sein schwarzes Akkordeon hervor. "Wow, rot!" ruft er. "Warum rot? Das Ding ist doch schwarz", scheinen die fragenden Gesichter im Publikum zu denken. Die Auflösung ist zugleich das Lehrstück des Abends: Eine Tür zu einer schöneren, aber vergangenen Welt wird aufgeschlossen und jeder darf hinein.

Der Türschlüssel ist die Geschichte vom Teenager Andreas Harwath in den Achtzigerjahren, der cool sein möchte und zu Weihnachten ein rotes Akkordeon bekommt, was er mit "Wow, rot!" kommentiert. Harwath erklärt, dass Sense Memory - eine Schauspielübung - genau so funktioniert. Das innere Auge sieht die eigene Erinnerung und die muss nicht deckungsgleich sein mit dem Sichtbaren. Das Publikum versteht das Prinzip und ruft nicht nur "Wow, rot!", sondern stellt sich nun auch ein rotes Akkordeon vor.

Das Theater zaubert die Zuschauer in die Tempel der Coolness

Von diesem Moment an wirkt der Zauber des Theaters. Die Zuschauer werden gebeamt in die Tempel der Coolness, die Welt der Schieberpartys von Oberstufen-Karottenjeansträgern und Anzug-Poppern, zu Zauberwürfel-Contests und Birkenstocks. Dem allgemeinen Amüsement ist zuträglich, dass viele im Publikum damals ebenfalls Teenager waren. Doch auch die Jüngeren, wie etwa Katharina Baur und ihre Freundin, finden den Abend unerwartet "Wow, cool!".

Die Bestandteile von Coolness, zum Zeitgeist passende Musik, eine Freundin, Sportlichkeit und Kunstinteresse, gelten eigentlich noch heute. Andreas Harwaths Anekdoten zeigen sein mühseliges Bestreben, als unsportlicher Solo-Quetschinsky Erfolge zu erringen. Er konversiert, #metoot, überzeugt Intendanten von seinem Einsparpotenzial, das er als Hansdampf in allen Gassen bietet. Ungeschriebene Gesetze wie das gelbe Reclam-Heftchen als Ausweis und Erkennungszeichen eines ernsthaften Schauspielers, aber auch ein Medley aus Corona-Liedern über Kultur-Masochisten, die selbst einen Söder überleben, kommen abwechselnd gesprochen oder gesungen zu Ohr. "Wegen Corona darf ich nicht in mein Theater rein. Jetzt bin ich pleite," rappt und singt Andreas Harwath zur Melodie des Tic Tac Toe-Lieds "Ich find dich Scheiße".

Nach "True Colours" schweigt das Publikum minutenlang ergriffen

Überhaupt vermutet man unter Akkordeon-Evergreens nicht "Roxanne" von Sting oder gar "True Colours" von Cindy Lauper. Die Stimmung bei diesem Lied, die nicht zuletzt durch den emotionalen Gesang transportiert wird, hält minutenlang vor. Eine Stille im Publikum, ein Schweigen, eine Ergriffenheit, die durch Mark und Bein geht. "Ich war ganz gerührt darüber, dass die Leute nicht applaudiert haben", kommentiert Harwarth (sic!) später. "Dass die Leute mit einsteigen in das Gefühl und die Stimmung."

Virtuos hantiert Andreas Harwath als One-Man-Band in seiner One-Man-Show: Nasenflöte, Eisenbahnpfeife und Mundharmonika im fliegenden Wechsel. Pandoras Instrumenten-Box dient als Trommel, das Akkordeon als Bass und ein Kazoo produziert den Kammblasen-Sound. Da wird bereits mittendrin nach einer Zugabe gerufen, am Ende der Vorstellung nochmals heftiger. Als statt des Premieren-Blumenstraußes eine Flasche Wein überreicht wird, erklingt ein letztes Mal ein vereintes "Wow, rot!". Am Samstag, 12. Februar, wird der regionale Kultureinzelhändler Andreas Harwath erneut den Hunger nach einem rundum glücklichen Abend stillen.

Sonja Pawlowa


Brucker Tagblatt vom 10. Februar 2021:

Harwath spielt Harwath:
Schauspieler, Autor und Regisseur in einer Person

Herr Harwath ist kein Schauspieler mehr? Das wäre aber schade. Zum Glück ist die Aussage nicht wahr.

Sie ist nur der Aufhänger für einen furiosen Soloabend mit eben jenem Doch-noch-Schauspieler, den man an der Neuen Bühne Bruck (NBB) schon öfter gesehen hat – aber noch nie so. So allein die Bühne füllend, das Publikum mitreißend, sämtliche Talente auffächernd.

Dass der 51-Jährige Klavier spielen kann, wusste man spätestens seit seiner Rolle als (nicht wirklich) böser Wolf im jüngsten NBB-Kinderstück „Ein Schaf fürs Leben“. Dass seine eigentliche Liebe aber dem Akkordeon gehört und er dieses virtuos beherrscht, zeigt der Schauspieler, Regisseur und Gesangslehrer nun in seinem „biografisch abbaubaren Kabarett“. Applaus verdient er schon allein für diesen geistreichen Untertitel seines Ein-Mann-Stücks „Falscher Abgang“.

Die Teststation am Parkplatz

Der „Herr Harwath“ aus dem Stück will die Schauspielerei an den Nagel hängen. Eigentlich hat er das schon getan, doch weil sein Agent einen Auftritt abzusagen vergaß und eine Konventionalstrafe droht, schlurft der Mime ein letztes Mal aus den Kulissen auf die Bretter, die nicht mehr seine Welt bedeuten. Und er eröffnet dem „Provinzpublikum“, dass er lieber die nächsten zehn Jahre in der Teststation auf dem Parkplatz vorm Veranstaltungsforum arbeiten werde, als sich weiterhin „labbrigen Applaus“ anzuhören.

Harwath richtig geschrieben

Und weil es nicht mehr drauf ankommt, sich beliebt zu machen, kann er endlich so richtig vom Leder ziehen und allen die Meinung geigen – den Kollegen („das sind genauso konservative Arschlöcher wie Sie“), der Presse (die tausend Möglichkeiten gefunden hat, seinen Namen falsch zu schreiben) und vor allem den Zuschauern, diesen Feinden, die scharenweise in die Mega-Events von „Gesangsrobotern“ wie Helene Fischer rennen, statt ihre „regionalen Kultureinzelhändler“ zu unterstützen.

Harwath erzählt seine eigene Geschichte an diesem Abend. Wie er als Provinz-Teenager in den 80ern von Coolness träumte, wie er zur Schauspielerei kam und wie er sich seitdem durchschlägt in der masochistischen Kulturbranche. Unterbrochen wird der geniale, gelegentlich etwas derbe Text von famosen Musikeinlagen. Der Mann am Akkordeon überschreitet Grenzen, kombiniert scheinbar Unvereinbares – Bob Dylan klingt bei ihm wie die Original Oberkrainer – Sting, Elton John und Cindy Lauper erweisen sich als unerwartet akkordeontauglich und das Instrument sich als unerwartet jazztauglich.

Als Harwath dann auch noch Mundharmonika, Eisenbahnpfeife und Nasenflöte auspackt, wird er zur virtuosen One-Man-Band. Das Publikum im ausverkauften Haus hängt an seinen Lippen und amüsiert sich königlich. Endlich wieder ein (fast) normaler Theaterabend – immerhin sind 50 Prozent Auslastung erlaubt, die Bar hat geöffnet und die Vorstellung keine Unterlänge. Begeisterter Applaus, eine Zugabe und noch mehr begeisterter Applaus beschließen den Abend.

Ulrike Osman

Falscher Abgang
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