Neue Bühne Bruck
Brucker SZ vom 08. Dezember 2021:

Weiße Lügen

Die Neue Bühne Bruck bekommt zu Recht viel Applaus für die Premiere von "Ein Schaf fürs Leben". Es wird gut gespielt und dadurch klar, dass nicht alles so ist, wie es immer den Anschein hat.

Ausverkauft und viel Applaus - so war der Premierennachmittag der Neuen Bühne Bruck. Mit einem Jahr Corona-Verspätung durften sich Kinder, Eltern und Großeltern an einer lebensfrohen und recht modernen Tierfabel erfreuen. Dass "Ausverkauft" in Gänsefüßchen zu setzen ist, schwingt mit bei Christina Schmiedels Frage ins Publikum: "Sind Kinder da?" Sie beantwortet die Frage selbst: "Oh, 80, 90 ..." und erntet wissende Lacher der Erwachsenen. Tatsächlich sind die Corona-Abstände zwischen den Zuschauerstühlen sehr, sehr groß. Das schmale Dutzend Kinder muss sehr laut rufen, damit die Stimmchen hörbar werden.

Es werden alle Register der Theaterkunst gezogen. Aus Christina Schmiedel am Klavier und Leseonkel Andreas Harwath werden im Handumdrehen leibhaftige Schauspieler und im fliegendem Wechsel Schaf und Wolf, dann andersherum. Zuschauern machen den Sound-Effect, produzieren akustisch die Stille, den Wind und einen Bauernhof. Die Erwachsenen und die Kinder dürfen auf einer Meta-Ebene bei der Rollenbesetzung dabei sein.

Klar wird: Mann oder Frau, das ist egal, man sollte sich am Talent orientieren. Klar wird auch: Weniger ist mehr. Eine Mütze reicht schon als Kostüm. Eine Discokugel wirft Schneeflockenlichter auf den nächtlichen Molton. Dass der Wolf Andreas Harwath im Pelzkragenmantel und Neunziger-Brille das Schaf fressen will, ist dagegen nicht allen jenseits der Bühne klar. Doch der Techniker Philipp Schultheiss stimmt mit der eingespielten Melodie von "Spiel mir das Lied vom Tod" auf ein Drama ein. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird eine andere Ebene beschritten, nämlich die der Fantasie.

"Komm, lass uns die Geschichte einfach spielen," sagt Christina Schmiedel zu Andreas Harwath. Mit diesem Satz ändert sich alles. Ein Tor in eine Als-ob-Welt wird geöffnet. Der österreichische Philosoph Robert Pfaller nennt es eine "weiße Lüge". Dieser "Kommst du noch mit auf einen Kaffee hoch?"-Moment vor der Haustür, bei der die Beteiligten in stiller Übereinkunft ein Spiel spielen und wissen, dass weder Briefmarkensammlungen noch Kaffee eine Rolle spielen.

So ähnlich ist es bei dem Theaterstück vom hungrigen Wolf und dem seiner Schafsbekanntschaft in der Neuen Bühne Bruck. Aus dem ursprünglichen Kinderbuch von Maritgen Matter hat das Theater-Team ein Musical mit vielen Ebenen und weißen Lügen erschaffen. Es geht darum, sich auf das Spiel einzulassen. Elemente wie das Schaf, das zum vorlesendem Erzähler wird, der hellblaue runde Fußabtreter, der zum Bergsee wird, bringen schnelle Perspektivwechsel. Nicht wie in einem Film, der trotz Rückblenden in einer Geschichte bleibt. Nicht wie im Kasperltheater, wo die Figuren ihre Rolle nie verlassen und plötzlich zu Menschen werden.

Die Neue Bühne geht einen Schritt weiter. Die Inszenierung der Wolfs-Rettung macht sogar eine Trennung von Mensch und Kostüm erforderlich. Da versinkt die Wolfsmütze im See-Fußabtreter, und der Mantel wird auf den Schlitten gehievt. Pars pro toto. So kann der Darsteller gleichzeitig am Klavier das Hänsel-und-Gretel-Thema anstimmen, bevor das heldenhafte Retter-Schaf mit dem Schlitten zum Haus des Wolfes findet.

Das Bühnenbild leistet viel und besteht fast aus nichts. Die Berge in der Winternacht werden mit flüchtigen Strichen auf einer weißen Leinwand angedeutet. Darunter weiße Säcke und Kissen für die Tiefe. Das Wohnzimmer im Haus Wolf mit dem Rehgeweih und den Ahnenbildchen spiegeln ein zeitgemäßes Alm-Design, wozu auch die Veggie-Rezepte des Schafes passen.

Was vielleicht weniger dazu passt, ist die Frage, wie ein Wolf auf Dauer fleischlos leben soll. Davon lenkt jedoch die flammende Freundschaft, die man auch Liebe nennen könnte, ab.

Die fünfjährigen Zwillingsprinzessinnen Karolina und Ida springen jedenfalls hoch bei der fiktiven Schlittenfahrt. Begleitet von Banjo-Westernklängen jagen sie ihrem Kindergartenfreund Alexei nach, der längst schon eine Taschenuhr-Abbildung gefunden hat. Denn es war eine riesige Golduhr, die alle Anwesenden in den fernen Ort Erfahrungen entführt hat. "Ein Schaf fürs Leben" wird noch an jedem Wochenende bis Januar zu sehen sein.

Sonja Pawlowa


Brucker Tagblatt vom 16. Dezember 2021:

Die andere Geschichte vom Schaf und dem Wolf

Es ist so schade. Ein Jammer, dass die aktuellen Coronabestimmungen der Neuen Bühne Bruck (NBB) nur niedrige zweistellige Zuschauerzahlen erlauben.

Und dass Christina Schmiedel und Andreas Harwath, die beiden Darsteller im aktuellen Kinderstück „Ein Schaf fürs Leben“, vor vermummten Gesichtern agieren müssen. Wie es den Vollblutschauspielern dabei geht, kann man nur erahnen. Ihrem Spiel anzumerken ist es in keinem Moment.

Die Inszenierung bewegt sich souverän zwischen verschiedenen Welten. Anfangs sind Schmiedel und Harwath zwei Künstler, die eine Lesung mit Klavierbegleitung vorbereiten. Da ihnen das nach wenigen Minuten aber total langweilig vorkommt, beschließen sie, die Geschichte zu spielen.

Schnell werden Kostüme gesucht und die passenden Licht- und Soundeffekte zusammengestellt. Die Zuschauer erleben mit, wie das so vonstatten gehen könnte, wenn ein Theaterstück vorbereitet wird. Und sie werden mit einbezogen, indem sie pusten sollen wie ein eisiger Wind, das Geräusch sanft fallender Schneeflocken erzeugen oder die Tierlaute auf einem Bauernhof nachmachen.

Ab hier beginnt die eigentliche Geschichte vom hungrigen Wolf und dem naiven Schaf, das um ein Haar als Abendessen verspeist wird. Zu gruselig ist das selbst für die Kleinsten unter den Zuschauern nicht – selbst dann nicht, als das Stück „Spiel mir das Lied vom Tod“ ertönt und der Wolf auf der Suche nach einem „netten Restaurant“ auf den Bauernhof stößt. Denn immer wieder gleiten Schmiedel und Harwath für Klaviereinlagen oder kurze Kommentare ans Publikum aus ihren Rollen.

Es steckt eine Menge Witz in der Erzählung von Maritgen Matter, die von den beiden Darstellern für die NBB adaptiert wurde. Witz, an dem auch die Erwachsenen im Publikum ihren Spaß haben. Da lockt der Wolf das Schaf („Ich bin Halbgriechin aus der Familie Feta“) mit dem Versprechen neuer Erfahrungen zu einer Schlittenfahrt. Prompt glaubt das Schaf, Ziel der Fahrt sei ein Ort namens „Erfahrungen“. Eigentlich will der Wolf seine Beute nur an ein abgelegenes Plätzchen bringen. Doch weil das Schaf so lieb und gutgläubig ist, kann er sich immer schwerer dazu durchringen, es zu fressen. Und lässt sich schließlich sogar auf den riskanten Vorschlag ein, an einem zugefrorenen Gebirgssee Fische zu fangen.

Hinreißend wird das einstündige Stück durch die schauspielerische Leistung der beiden Darsteller. Schmiedels Schaf spricht mit einem wohldosierten Blöken in der Stimme. Es zieht mit immenser Kraftanstrengung einen Schlitten, auf dem nur eine Jacke und eine Mütze liegen. Harwaths hungriger Wolf lässt zwischendurch wie ein Bauchredner seinen Magen knurren. Und er reimt und rappt („Das Schaf ist dumm, ich bring es um, und dann gibt’s Schaf mit Basilikum“), dass er nur so eine Freude ist. Einige Songs hat der Schauspieler und Musiker eigens für die NBB-Inszenierung komponiert.

Ein Fazit gibt es auch: Das beste Mittel gegen das Böse ist immer noch die Liebe. Ein bisschen simpel vielleicht, aber wunderschön weihnachtlich.

Ulrike Osman

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