Neue Bühne Bruck
Brucker SZ vom 26.10.2020:

Nein..., doch..., ohhh!

Neue Bühne inszeniert die Komödie "Das Abschiedsdinner". Das Regiedebüt von René Oltmanns wartet auf mit drei überzeugenden Schauspielern und treffsicheren Pointen.

"Ich bin eine moderne Frau", schreit Clote den beiden Männern im Wohnzimmer entgegen. Und als solche brauche sie nicht einmal mehr Worte. Mit der richtigen Körpersprache sei alles gesagt. Also streckt sie den beiden entschieden ihren Mittelfinger entgegen und stürmt hinter die Bühne. Denn ganz so, wie sie es sich erhofft hat, entwickelt sich der Abend in "Das Abschiedsdinner", das am Freitag an der Neuen Bühne Bruck Premiere gefeiert hat, nicht.

Eigentlich wollten Clote (Aline Pronnet) und ihr Mann Pierre (Hagen Ullmann) nämlich mit diesem Abendessen ihre Freundschaft zu Antoine (Benjamin Hirt) beenden. Doch der durchschaut den Plan schnell und so entsteht ein rasantes Durcheinander, das die Besucher amüsiert und den beiden männlichen Protagonisten doch einiges zu denken gibt. Es endet in einer unterhaltsamen Selbsttherapie der beiden Männer. Rasant beginnt bereits die erste Szene des Regiedebüts von René Oltmanns an der Neuen Bühne, in der Pronnet mit ihrem Bühnenpartner Ullmann darüber diskutiert, wen man samt Partner denn nun loswerden will. Ihre Arbeitskollegin oder Pierres alten Schulfreund. In einem Wechselspiel aus schnippischen Kommentaren, unschuldig ruhigen Momenten und giftig bösen Kommentaren läuft Pronnet immer wieder gegen Wände - setzt sich schließlich aber durch, wie eigentlich immer in dieser Beziehung. Ullmann bleibt sitzen. Anfangs kaum zu bewegen und Pronnets Kommentare ignorierend, wird sein Spiel immer dynamischer, bis er sein Kostüm wechselt und tanzend, schrill lachend und exaltiert weinend Hirts irgendwo zwischen Egomane und Weichei changierenden Antoine parodiert. Hirt begeistert den ganzen Abend besonders, indem er seinen "Körper sprechen lässt" und mit bemerkenswerter Präsenz - und einem unnachahmbaren hysterischen Lachen - das Publikum auch durch die ganz kleinen Momente trägt. In den großen Momenten glänzt er. Treffsicher prägt er und fügt sich in das Tempo des Stückes. Seine Reaktionen sind rhythmisch, punktgenau und raumgreifend.

Das Tempo dieses Abends ist von Anfang an extrem hoch. Treffsicher reihen die drei Schauspieler eine Pointe an die nächste. Kombiniert wird das Ganze mit immer wiederkehrenden Elementen. Wer diesen Abend nicht erlebt, der wird sich beispielsweise nie vorstellen können, in was für unterschiedlichen Situationen man Louis de Funès Klassiker "Nein..., doch..., ohhh" immer wieder überraschend anbringen kann. Außerdem spielen die drei wunderbar mit den corona-bedingten Abstandsregeln. Wenn Antoine mal wieder in seiner Überemotionalität auf Clote zustürmt, kann sie guten Gewissens zwei Schritte zurückweichen. Auch der Wein, mit dem auf diesen Abend angestoßen wird, muss ganz besonders verteilt werden. Pierre schenkt ein, nimmt sich ein Glas und tritt dann vor Tisch zurück, um Platz für die anderen zu machen.
Je länger der Abend dauert, desto klarer wird, dass eigentlich nicht Antoine mit all seinen Macken das Problem ist, sondern vielleicht die unehrliche und nicht ansatzweise auf Augenhöhe stattfindende Beziehung zwischen Clote und Pierre. Denn der findet seinen Freund zwar auch manchmal ätzend, fühlt sich mit ihm eigentlich aber ganz wohl. Dass er überhaupt die Idee eines Abschiedsdinners vorschlägt, liegt nur an einem gemeinsamen Bekannten, der sich das Ganze ausgedacht hat. Pierre, der so wenig Selbstbewusstsein wie eigene Ideen hat, übernimmt das dann einfach. Und so rumpeln sich die beiden Männer hilflos durch die Tiefen der Psychoanalyse, während Clote mit hektischen Gesten und einer Portion Sarkasmus vergeblich versucht, selbiges zu verhindern.

Florian J. Haamann


Brucker Tagblatt vom 29.10.2020:

Ein Abschiedsdinner mit reichlich Würze

Ein eleganter Abschied aus einer Freundschaft, die zum Klotz am Bein geworden ist – das müsste doch möglich sein. Ohne großen Krach, sondern mit einem schönen Essen. Am besten so, dass der abservierte Freund gar nicht merkt, dass ihm „Das Abschiedsdinner“ serviert wird.

Die Neue Bühne Bruck (NBB) hat trotz der für Theater schwierigen Zeiten die zweite Premiere der neuen Saison gewagt. Und sie durfte sich über ein ausverkauftes Haus freuen, auch wenn dafür im Moment 25 Besucher ausreichen. Die amüsierten sich bestens über eine schwungvolle Komödie aus der Feder von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière, dem Autorenduo, das bereits mit „Der Vorname“ einen Knaller gelandet hat.

„Das Abschiedsdinner“ ist die Idee von Pierre (Hagen Ullmann), Verleger, Vater und Ehemann mit Hang zur Bequemlichkeit. Ihn nerven die vielen Abende, die er und Ehefrau Clote (Aline Pronnet) mit Freunden verbringen müssen. Abende, an denen man die ewig gleichen Geschichten hört und sich im Stillen über die Macken der anderen aufregt.

Erster Kandidat auf der Abschussliste ist Pierres alter Schulfreund Antoine (Benjamin Hirt), ein exaltierter Egozentriker mit starkem Hang zur Selbstdarstellung und dem Lachen einer Hyäne. Doch der Abend entwickelt sich anders als gedacht. Antoine durchschaut den Plan, es kommt zur Konfrontation. Plötzlich befindet man sich im „Reich der Aufrichtigkeit“ und Pierre stellt fest, dass die Freundschaft vielleicht doch zu wertvoll ist, um sie aufzugeben.

Inszeniert hat das Stück René Oltmanns – dem NBB-Publikum als Darsteller bereits bekannt – mit leichter Hand und guten Ideen. So schmusen wegen der Corona-Abstandsregeln statt Pierre und Clote zwei Sofakissen miteinander. Das konventionelle Bühnenbild einer Boulevard-Komödie wird durch gezeichnete Elemente aufgelockert. Da das Stück von seinen rasanten Dialogen ebenso lebt wie von stummer Mimik und Körpersprache, braucht es tolle Darsteller wie Ullmann, Pronnet und Hirt, den man an der Bühne zuvor noch nie gesehen hat – aber nach diesem fulminanten Einstand gerne öfter sehen wird.

Ulrike Osman

Der ewige Spießer
Ein Schaf fürs Leben
Der ewige Spießer
Das Abschiedsdinner
In Impro Veritas