Neue Bühne Bruck
Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull
nach Thomas Mann in einer Fassung von John von Düffel

Der Hochstapler Felix Krull hat eine gute Zeit. Sowohl seine Eltern als auch seine Umwelt wickelt er auf seine Art um den Finger. Er bekommt das, was er will. Ihm geht es gut. Er hat einen Plan. Oder hat er keinen?

In einem kollektiven Prozess stellen sich Regisseur, Schauspieler*Innen und Musiker*Innen die Frage, wie gerne wir uns betrügen lassen und wo wir die Grenzen ziehen. Wie geht eine Gesellschaft mit ihren Hochstaplern um? Wann erkennen wir, dass wir in die Irre geführt werden?

Und was hat das alles mit Prometheus zu tun?

mit Katrin Bielski, Florian Weber, Judith Gebele und Aline Pronnet

Band: Chara Flür, Max Spieler, Philipp Hauck Thalheim, Hagen Ullmann und Marcel Viehauser

Regie: Tim Freudensprung & Ensemble


Brucker SZ, 18.03.2020

Am Ende

Die Neue Bühne Bruck inszeniert Thomas Manns "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" als furiose Gesellschaftskritik und dekonstruiert dabei die Bühne als Ort der großen Wahrheiten

Es ist ein Bacchanal. Eine letzte, ausschweifende Feier der Schönheit der Kultur, voller Spiel- und Lebensfreude. Die Neue Bühne Bruck hätte sich keine bessere Inszenierung als Tim Freudensprungs "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" wünschen können, für die letzte Aufführung vor der Corona-Zwangspause. Denn der 25-Jährige, der mit dieser Inszenierung sein Regiedebüt feiert, und sein Ensemble, haben da etwas ganz Besonderes geschaffen.
Ganz im Stile von Brecht, Pollesch, Casdorf, Falk Richter, dekonstruiert das Ensemble das Theater und den Bühnenraum, durchbricht die vierte Wand, und dann wird auch noch die bürgerliche Gesellschaft zerlegt. Und zwar ausgerechnet mit deren Großmeister Thomas Mann. Und natürlich ist es dann auch nicht er, dem das erste Worte gebührt. Sondern Heiner Müller, dem großen Wüterich gegen Ungerechtigkeit und Entmündigung. Wortgewaltig präsentiert Aline Pronnet Müllers Prometheus-Text aus dessen Stück "Zement". "Brüllend und geifernd, mit Zähnen und Klauen, verteidigte er seine Ketten gegen den Zugriff des Befreiers", heißt es da. Der Mensch, gefangen in seiner Unfreiheit, muss erst wieder lernen frei zu sein.

Krull dagegen ist einer, der glaubt, sich die Freiheit erobert zu haben. Einer, der sich nach oben kämpft, indem er die Schwächen seiner Umgebung skrupellos und narzisstisch ausnutzt. Dass er selbst aber keinen Deut besser dran ist, das strahlt Hauptdarsteller Florian Weber in jeder Sekunde aus. So groß Klappe und Geltungssucht sind, so groß ist auch die Unsicherheit, die ihn bei jedem Wort begleitet. Im Grunde ist auch er nur ein Opfer der Erziehung durch seine Eltern. Die Mutter (Judith Gebele) ein Vorzeigeweibchen mit Perlenkette, der Vater (Katrin Bielski) ein herrschsüchtiger, pedantischer Sexist, der beim Reden sogar die Satzzeichen mitspricht und der in seinem Schauweinunternehmen solange billigen Fusel panscht, bis das Unternehmen pleite ist.

Es folgt, was ein echter Mann in so einer Situation eben zutun hat: die vielleicht melodramatischste und unterhaltsamste Todesszene der Theatergeschichte. Jaulend und japsend rollt, kriecht, stolpert Katrin Bielski über die Bühne, erschlafft, bäumt sich noch einmal auf, bis ins Absurde. Als ihr Weber mitteilt, dass es nun doch gut sei, kommt sie noch mal zu Kräften: "Halts Maul, das ist mein Moment!" schreit sie, um dann zu ihren letzten Worten zu kommen: "Residenztheater! Burgtheater! Gorki!". Im Anschluss spielt die Band (Chara Flür, Max Spieler, Philipp Hauck Thalheim, Hagen Ullmann und Marcel Viehauser) "That's Life" von Frank Sinatra.

So unterhaltsam das alles ist, lustig ist das, was sich da auf der Bühne abspielt nicht. Die Welt, durch die sich Felix Krull schlängelt, ist voller Sexismus, Rassismus und einem alles durchdringenden, zerstörerischen Kapitalismus. Freudensprung arbeitet all diese Hässlichkeiten heraus, indem er die gängigen Klischees explizit zelebriert. Der Stabsarzt, der seinen Rassismus gar nicht erst unterdrückt und bei jeder Gelegenheit den Arm zum Hitlergruß erhebt ("Wir sind hier doch nicht in einer HEIL-Anstalt"), der Vater, der seiner Frau an die Brust grapscht und laut: "Oh, Titte!", ruft, nur um dann über die "Scheißschwuchtel" zu schimpfen. Entlarvung durch plakative Übertreibung ist hier die Devise.

Dem entgegen hält Freudensprung die antiken Helden. Nicht nur Müllers Prometheus, sondern auch den von Goethe: "Wer rettete vom Tode mich, / von Sklaverei? / Hast du nicht alles selbst vollendet, / Heilig glühend Herz? / Und glühtest jung und gut, / Betrogen, Rettungsdank / Dem Schlafenden da droben? /Ich dich ehren? Wofür?" Krull ist es, der diese Zeilen sprechen darf, vom Blatt. Auswendig? So ein Pamphlet? Nicht dieser Krull. Am beeindruckendsten in dieser Reihe ist noch einmal Pronnet. Als Elektra liest sie Weber nach einem sexistischen Ausbruch die Leviten. Jedes Wort presst ihn weiter in seinen Stuhl bis er nicht mehr ist, als ein Häufchen Elend, das nur noch ein "'Schuldigung" rauspressen kann. Doch Pronnet ist hier die einzige Frau, die sich wehrt. Die anderen bleiben in ihren Rollen als devotes Sexobjekt und grinsende Background-Tänzerin gefangen.

Nachdem die Fronten also mühevoll aufgebaut, die Probleme aufgezeigt sind, kommt ausgerechnet die 16-jährige Chara Flür auf die Bühne und zertrümmert mit ihrem Schlussmonolog noch einmal alles. Ihm voran stellt sie Charlie Chaplins Zitat aus dem großen Diktator: "Nur wer nicht geliebt wird hasst". Und dann nimmt sie sich alle vor: Schauspieler, Musiker, Regisseur, Publikum - und am Ende sich selbst. "Hitlergruß 2020? Ihr wollt die Gesellschaft ändern und tut doch nichts, als Probleme zeigen. Und dahinten in der letzten Reihe, sitzt unser "Regisseur" der von Konflikten redet und noch nie einen erlebt hat". Als "Greta-Moment" bezeichnet sie dann ihren wütenden Auftritt.

Und so stehen alle da, vor den Scherben der Welt, der Gesellschaft, des Selbstverständnisses, der Möglichkeiten des Theaters. Gelöst ist nichts, ein schöneres Morgen nicht in Sicht. Krise überall. Was tun? Es gibt nichts mehr zu sagen, zu spielen. Und so darf Flür die letzten Worten dem großen Shakespeare und seinem Hamlet überlassen: "Der Rest ist schweigen".

Florian J. Haamann


Brucker Tagblatt, 19.03.2020

Premiere bleibt Einzelvorstellung

Erst Effi Briest, jetzt Felix Krull: Nach der Bearbeitung des Fontane-Werkes hat sich die Neue Bühne Bruck einen weiteren Literaturklassiker vorgenommen.

Nämlich Thomas Manns „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ in der Theater-Version von John von Düffel. Inszeniert von Tim Freudensprung, präsentiert sich das Stück als derbe Groteske mit genialen Momenten. Das Premierenpublikum amüsierte sich königlich.

Vor Beginn sitzen Hagen Ullmann und Marcel Viehauser auf weißen Stühlen vor dem Vorhang und lesen abwechselnd vor. Viehausers Text besteht nur aus Namen und Altersangaben. Es sind die Opfer rechtsextremen Terrors in Deutschland, eine erschütternd lange Liste. Ullmann verliest dazu Zitate – Menschenverachtendes aus rechtsextremen Kreisen, geschrieben nicht etwa von Spinnern am Rande der Gesellschaft, sondern von Menschen, die im politischen Alltag durchaus eine Rolle spielen.

Zuhören würde sich lohnen, auch wenn einem schlecht wird. Doch das Publikum schwätzt noch. Wenn acht Uhr draufsteht, wird auch erst ab acht Uhr aufgepasst. Als es soweit ist, tritt Hauptdarsteller Florian Weber zu einer offiziellen Begrüßung auf die Bühne und fordert dazu auf, „die Welt da draußen für eine Stunde auszublenden“. Es ist der Beginn eines verfremdeten Theaterabends, in dem die Schauspieler dann und wann aus ihren Rollen treten und direkt zum Publikum sprechen werden. Die Figuren sind so besetzt, dass keine Identifikation stattfinden kann. Auch die stark überzeichnete Handlung will den Zuschauer auf Distanz halten. Zwischen den einzelnen Szenen spielt eine Band im Stil der 1970er-Jahre.

Webers Felix Krull ist kein geschliffener Charmeur, kein unwiderstehlicher Manipulator. Er wirkt eher täppisch und naiv. Trotzdem fallen alle auf ihn herein und lassen ihn seinen Willen durchsetzen. Er fällt durch die Musterung und erspart sich das Militär, darf aus dem bankrotten Elternhaus nach Paris entfliehen, steigt im Luxushotel vom Liftboy zum Gigolo auf, beklaut die Damen, die er verführt, tauscht schließlich mit einem von Enterbung bedrohten Marquis die Identität und entschwindet ans andere Ende der Welt.

Außer der Hauptfigur werden die Männerrollen von Frauen gespielt – ein Dreh, dem die Inszenierung ihren Reiz verdankt. Katrin Bielski als rülpsender, suizidaler Champagner-Fabrikant, Aline Pronnet als adeliger Super-Macho, Judith Gebele als herumbrüllender Stabsarzt und halbseidener Hotelier mit Wiener Akzent sind allesamt brillant und sorgen für Momente dringend benötigter Komik. Zum Blenden, Verführen, Betrügen braucht es immer zwei – den, der es tut, und den, der es mit sich machen lässt, aus welchen Motiven auch immer. In Krulls Fall ist es eine zutiefst sexistische, kapitalistische und rassistische Gesellschaft, die nur zu gern auf ihn hereinfällt. Doch das Prinzip ist beliebig übertragbar.

Ulrike Osman

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