Neue Bühne Bruck
Brucker SZ, 17.09.2019

Lächeln und warten

Die Neue Bühne Bruck startet mit der Uraufführung "Frauenquote" furios in die Saison. Vor allem, weil Schauspielerin Christina Schmiedel tief in die für sie geschriebene Rolle eintaucht.

Es gibt unterschiedliche Theorien darüber, inwiefern eine sinnvoll genutzte Wartezeit das Wohlgefühl erhöht. Anstatt sich über langes Schlangestehen aufzuregen und den Stresshormonpegel dadurch unnötig in die Höhe zu treiben, solle man die Zeit mit unkomplizierten Meditationsübungen füllen, heißt es zum Beispiel. Auf viel unterhaltsamere Weise wird eine Wartephase allerdings derzeit an der Neuen Bühne Bruck verbracht: In "Frauenquote", einer Auftragsarbeit der Münchner Regisseurin und Autorin Petra Wintersteller, mit deren Uraufführung die Neue Bühne die aktuelle Saison eröffnet hat, wartet eine Frau auf dem Arbeitsamt. Als Zuschauer wartet man mir ihr - und kommt dabei von der ersten bis zu letzten Sekunde aus dem Lachen nicht heraus.
Die Gründe dafür, dass das Stück so unmittelbar und durchgehend amüsiert, sind zweierlei: Zum einen die raffinierten Pointen im Text und in der Inszenierung von Petra Wintersteller, die von offensichtlichen Scherzen bis zur Situationskomik reichen. Zum anderen die mitreißende Interpretation derselben durch die Darstellerin Christina Schmiedel, die das Ein-Personen-Stück so ungehemmt stemmt und dabei so urkomisch ist, als wäre diese Art der alleinigen Bühnenpräsenz nicht für jeden Schauspieler eine der größten Herausforderungen.
Schmiedel, die schon seit vielen Jahren regelmäßig an der Neuen Bühne zu sehen ist, ist Improvisationsprofi. Die ganze Zeit über kommuniziert sie direkt mit dem Publikum, taucht ein in die Reihen, setzt sich dazu und hat die Prämisse des Stücks, nämlich, dass alle Personen im Raum Mit-Wartende sind, vollkommen verinnerlicht.
Wintersteller hat das Stück für Schmiedel geschrieben. Es ist schwer vorstellbar, dass eine andere Schauspielerin der Rolle je eine ähnliche Tiefe bei gleichzeitig derart übersprudelndem Charme und Stand-up-Comedy-tauglichem Humor verleihen könnte. Schmiedels Rolle, Marianne Hofbrecher, ist eine Frau mittleren Alters, die mal Hebamme war und ihren Beruf geliebt hat, sich aber nun als Ehefrau und Mutter mit Gelegenheitsjobs beschäftigt. Erst hat sie Ohropax verkauft, dann Obst und Gemüse und mal Getränke auf einem Konzert der Hardrock-Band Rammstein, oder, wie Marianne meint, bei den "Rammsteinen".

Von ihren Erfahrungen berichtet sie redselig und selbstironisch. Dazu hält sie mal ein leidenschaftliches Plädoyer gegen matschige Bananen, ein anderes für Liebesromane, die in Cornwall spielen. Ein so positiver Mensch scheint Marianne zu sein und so unbeschwert unterhaltsam sind ihre Anekdoten in bairischer Mundart, dass man die zwischendurch kurz in ihren Augen aufflackernde Traurigkeit beinahe übersehen könnte. Doch das lassen Wintersteller und Schmiedel, beide Meisterinnen der Figurenzeichnung, natürlich nicht zu.

Marianne möchte eigentlich mehr vom Leben. Sie träumt von einem eigenen Hebammen-Café, wo Mütter sie bei einer Tasse Kaffee um Rat fragen können. Doch die Realität der Berufswelt macht es ihr nicht leicht, an sich zu glauben. Drei Videoclips von Bewerbungsgesprächen werden eingespielt. Darin wird mal die ultrahippe Start-up-Kultur, dann die nahezu religiöse Ernsthaftigkeit parodiert, mit der manche Unternehmen an die Mitarbeitersuche gehen.
Im dritten Video ist Marianne auf dem Bau. Von dem Klischee, dass dort nur Männer arbeiten, will sie sich nicht abhalten lassen. Denn auch, wenn es unter dem Dialekt und der herzlichen Hausfrauenart nicht sofort auffällt, ist Marianne Feministin. Keine Aktivistin, klar. Aber Feminismus, und das zeigt Winterstellers Stück unter all den Lachern sehr deutlich, darf auch einfach so verstanden werden, dass Frauen genauso viel können und dass ihre Berufswünsche genauso viel zählen, wie die der Männer.

Valentina Finger


Brucker Tagblatt, 18.09.2019

Stehende Ovationen nach Solostück in der Neuen Bühne Bruck

Wer zum Stammpublikum der Neuen Bühne Bruck gehört, dem ist Christina Schmiedel seit langem als Vollblutschauspielerin vertraut. Doch die Zuschauer ihres ersten Solo-Stücks erlebten, dass die 34-Jährige noch eine höhere Qualitätsstufe zünden kann als bisher bekannt.

Nach der Uraufführung gab es stehende Ovationen – und das ist selbst für die Neue Bühne eine Ausnahme.

Man kennt diesen Typ. Einen Menschen, der vor dem ausgelieferten Gegenüber im Zugabteil oder Wartezimmer ungefragt die eigene Lebensgeschichte ausbreitet. Seine persönliche Weltsicht kundtut. Sich in Rage redet. So ein Typ Mensch ist Marianne Hofbrecher („wie Einbrecher, nur mit Hof“), arbeitssuchende Ex-Hebamme voller Tatkraft. Bühne und Zuschauerraum sind der Wartebereich der Arbeitsagentur. Während man hier gemeinsam sitzt, hat Marianne viel Zeit zu erzählen.

Es ist ein überaus realistisches Szenario, in dem Autorin und Regisseurin Petra Wintersteller ihre „Frauenquote – ein Stück Frau“ ansiedelt. Ein Stück, das sie nach eigener Aussage Christina Schmiedel auf den Leib geschrieben hat. Die Darstellerin dankt es ihr mit der völligen Verwandlung in die Figur. Mimik, Gestik, Stimme – alles an der Künstlerin Schmiedel wird zur biederen Marianne. Kein einziger Hänger unterläuft ihr in fast zwei Stunden – trotz Unmengen an lebensechtem Text.

Mit der Zeit wird klar: So blöd ist diese Marianne gar nicht. Das Weibchen-Kostüm – knallenger, ultrakurzer Minirock und weißes Blüschen – hat sie eigentlich nicht nötig. Gut, wenn altbekannte Themen wie Frauenquote, weibliches Konkurrenzdenken und der schlechte Verdienst in sozialen Berufen durchdekliniert werden, ist das nicht unbedingt originell. Doch Marianne hat einen klaren Blick und scheut sich nicht, Wahrheiten auszusprechen – selbst, wenn sie dadurch schon diverse Jobs verloren oder gar nicht erst bekommen hat.

Immer wieder überrascht das Stück. Es gibt Filmeinspielungen, Interaktion mit dem Publikum und eine Wahnsinns-Gesangseinlage (ja, singen kann sie auch, und wie). Am stärksten ist das Stück in den Momenten, in denen Schmiedel den inneren Kampf ihrer Figur darstellt – gegen ein weit verbreitetes Frauenleiden namens Selbstzweifel. Einen Kampf, den sie schließlich gewinnt.
So wird das Stück neben aller Komik zum Appell, an die eigenen Träume zu glauben. Einer der ersten Sätze, die Schmiedel auf der Bühne sagt, erweist sich rückblickend als herrlich selbstironisch. „Ein Feuerwerk braucht man da jetzt nicht erwarten.“ Doch. Und was für eins.

Ulrike Osman


Weitere Informationen zu "Frauenquote – 1 Stück Frau" finden Sie unter Stücke.

Zum Vergrößern klicken!