Neue Bühne Bruck
Die Geschichte von den Pandabären –
Erzählt von einem Saxophonspieler mit Freundin in Frankfurt
von Matéi Visniec

Ein Stück so rätselhaft und verspielt wie sein Titel: ein Mann erwacht eines Morgens neben einer schönen Unbekannten. ER erinnert sich an nichts. SIE scheint mehr zu wissen... Schließlich besiegeln die beiden einen Pakt: sie kommt neun Nächte lang wieder und er spielt für sie Saxophon. Es ist der Beginn einer wunderschönen Liebesgeschichte. In heiter-verspielten Dialogen, poetischen Bildern, absurd-komischen Situationen und geheimnisvollen Szenen verschwimmen die Grenzen zwischen Licht und Dunkelheit, Tag und Nacht, Traum und Wirklichkeit.

Olaf Dröge, geb. 1980, ist freiberuflicher Regisseur und Theaterpädagoge. Nach seinem Studium der Theaterwissenschaft in Berlin war er für verschiedene Ensembles deutschlandweit tätig. Seit 2018 lebt er in Grafrath. „Die Geschichte von den Pandabären“ ist seine erste Inszenierung an der NBB.


mit Rilana Nitsch und Alexander Schmiedel

Saxophon: Agnes Reiter

Inszenierung: Olaf Dröge

Bühnenfotos: Maria Luethi



Neue Bühne Bruck: Regisseur feiert Premiere
von Ulrike Osman, Brucker Tagblatt, 29. Januar 2019

Ein Mann und eine Frau wachen morgens nebeneinander auf. „Wer bist du?“, fragt er sie überrascht. „Kennen wir uns?“ Das könnten die ersten Sätze einer Boulevard-Komödie sein. Aber weit gefehlt – es ist der Auftakt zu einem heiteren, poetischen und rätselhaften Stück, das jetzt in der Neuen Bühne Bruck begeisternde Premiere feierte.

„Die Geschichte von den Pandabären“ des rumänisch-französischen Autors Matéi Visniec (63) ist nichts, was man bis ins letzte Detail verstehen muss. Oder kann. Aber das ist auch nicht nötig. Mühelos nimmt die Geschichte von Michel (Alexander Schmiedel) und der schönen Unbekannten (Rilana Nitsch) den Zuschauer mit auf verschiedene Ebenen.

In der realen Welt schließen die beiden einen Pakt – sie wird ihn neun Nächte lang besuchen, unter der Bedingung, dass er für sie Saxophon spielt. Der Eindruck, dass sie über geheimes Wissen verfügt und einen Plan verfolgt, den er nicht durchschaut, verleiht dem Ganzen eine wunderbar mysteriöse Note.

Es gibt zwischen den beiden absurd-komische Situationen zu belachen und hervorragende Schauspielkunst zu bestaunen. Die schöne Unbekannte schwirrt über die Bühne – an was ihre Körpersprache erinnert, wird man am Ende verstehen – und zieht den zunächst lockeren, dann leidenschaftlichen Michel mehr und mehr in ihren Bann, wogegen er sich weder wehren kann, noch wehren will. Doch je näher sich die beiden kommen, umso mehr verlassen sie die Ebene des Realen und heben ab ins Metaphorische, Märchenhafte.

Die anfangs leichtfüßige Liebesgeschichte gewinnt an Tiefe, die Heiterkeit schlägt um in Schwermut. Der verblüffende Schluss entlässt den Zuschauer zwar immer noch mit Fragen in die Nacht, sorgt aber im Rückblick auch für einige Aha-Momente.

„Die Geschichte von den Pandabären“ ist die erste Arbeit des 38-jährigen Olaf Dröge für die Neue Bühne. Der freiberufliche Regisseur und Theaterpädagoge zog vergangenes Jahr in den Landkreis Fürstenfeldbruck und nahm Kontakt mit Neue-Bühne-Intendant Harald Molocher auf. Die Zusammenarbeit war schnell besiegelt und die Inszenierung innerhalb von drei Monaten fertig – was umso erstaunlicher ist, als Dröge in dieser Zeit auch noch Vater wurde. Sein Sohn erblickte zwei Wochen vor der Premiere das Licht der Welt. „Das Stück hat allen Beteiligten auf Anhieb gefallen“, berichtet der Regisseur. Dem Premierenpublikum ging es genauso.



Die Idee der Selbstaufgabe
Der Neuen Bühne Bruck gelingt ein surreales Theatervergnügen
von Emil Kafitz, Brucker SZ, 29. Januar 2019

Als Harald Molocher, Vorstand der Neuen Bühne Bruck, kurz nach dem Verklingen des Applauses berichtet, wie es zur Inszenierung von "Die Geschichte mit den Pandabären" kam, glänzen seine Augen vor Leidenschaft: "Der Regisseur Olaf Dröge kommt ursprünglich aus Berlin und ist erst vor Kurzem nach Grafrath gezogen. Als ich die Ehre hatte, ihn persönlich kennenzulernen, haben mich seine Visionen und Ideen sofort überzeugt. Ähnlich begeistert war ich dann auch von dem Stück, das er vorschlug und dessen Premiere wir heute feiern."

"Die Geschichte von den Pandabären" von Matéi Visniec ist ein Zwei-Personen-Stück, eine Liebesgeschichte, die sich zum größten Teil im Schlafzimmer Michel Pailholes, insbesondere in dessen Palettenbett abspielt. Eines Morgens erwacht er darin, sichtlich verkatert, neben einer ihm unbekannten Frau. Michel hat keinerlei Erinnerung an die zurückliegende Nacht. In einem ungewollt komischen Gespräch mit seiner Bettgenossin versucht er die Ereignisse zu rekonstruieren, erhält dabei aber statt Antworten nur noch mehr Fragen. Sie verrät ihm nicht einmal ihren Namen. Als sie ihn kurz darauf verlassen möchte, kann und will er das nicht zulassen. Stattdessen trifft er mit der mysteriösen verschmitzt lächelnden Dame eine Vereinbarung. Sie wird die nächsten neun Nächte mit ihm verbringen, wenn er ihr im Gegenzug auf seinem Saxofon vorspielt.

Der weitere Verlauf des Stücks porträtiert episodenhaft das Zusammentreffen von Mann und Frau, nur unterbrochen von Saxofonsoli, die eigens von Agnes Reiter für das Stück komponiert wurden, und von Nachrichten auf Michels Anrufbeantworter, den er schon lange nicht mehr abhört. Die Anrufe informieren ihn über die Pflichten eines Lebens, das ihn nicht mehr zu interessieren scheint. Stattdessen verliert er sich zunehmend in der Liebesbeziehung. Beide Partner kommen sich näher, sowohl körperlich als auch geistig. In einer Szene verständigen sie sich komplett ohne Worte, zunächst nur mit einem Laut, dann sogar nur noch mit Gedanken. In einer anderen berichtet Michel von seiner Kindheit. Hierbei übertragen sich die Emotionen, die er empfindet, auf das Publikum, das seinen Ausführungen ebenso gebannt lauscht wie seine Geliebte. Im Laufe des Stücks werden die Szenen immer surrealer. Sie bringt ihm ein unsichtbares Tier mit, das von seinen Gedanken befruchtet wird. Er wiederum berichtet bis ins letzte Detail, was in der Wohnung über und unter ihm geschieht, nur anhand der Geräusche, die er vernimmt. Beide lassen sich auf die Gedankenspiele des anderen ein und nehmen diese ernst. Als sie ausschließlich über eine Nachricht auf seinem Anrufbeantworter mit ihm kommuniziert, hat das Stück endgültig den Bezug zur Realität verloren. Doch genau das macht die Atmosphäre aus. Am Ende steht nur noch eine Idee im Raum, die Idee der völligen Selbstaufgabe, die Idee, komplett im jeweils anderen aufzugehen. "Wir sind das Schlagen von zwei weißen Flügeln im Flug. Wir sind die Flügel von ein und demselben Tier."

"Die Geschichte von den Pandabären" ist ein eigenwilliges Stück. Als Zuschauer muss man in der Lage sein, sich auf alles einzulassen, was auf der Bühne passiert. Erst wenn man den Surrealismus akzeptiert, beginnt man, die richtigen Fragen zu stellen und das Stück zu fühlen. Rilana Nitsch verkörpert glaubwürdig die dominante und humorvolle Unbekannte, die den fragilen Michel, gespielt von Alexander Schmiedel, von sich selbst und der Liebe überzeugt. Die beiden erschaffen mit angedeuteter Erotik und feinfühligen Dialogen eine Intimität, die den Zuschauer mit einschließt. Diesem wird es möglich, den Protagonisten auf ihrem Weg zu folgen und Einblick in ein Gefühl zu erhalten, das tiefer geht als der alltägliche Liebesbegriff.

Die Neue Bühne Bruck hat sich mit "Der Geschichte von den Pandabären" ein Stück weit neu erfunden. Ein Besuch dieser ersten Inszenierung Olaf Dröges in Fürstenfeldbruck ist also durchaus lohnenswert und die nächsten Monate möglich. "Und die erste wird sicher nicht die letzte sein", verspricht Harald Molocher.

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