Neue Bühne Bruck
Brucker Tagblatt vom 5. November 2018:

Im Theater über Gott nachdenken

Im wahrsten Sinne des Wortes von Gott und der Welt handelt das Stück „Die Tage, die ich mit Gott verbrachte“ der Neuen Bühne Bruck. Das philosophisch-heitere Werk nach einem Buch von Axel Hacke feierte nun eine rauschende Premiere.

Welche Frage stellt man Gott, wenn man ihm begegnet? Natürlich drängt sich einem da das existenzielle Rätsel förmlich auf: Warum bin ich hier? Das Buch „Die Tage, die ich mit Gott verbrachte“ des Autors Axel Hacke gibt keine konkrete Antwort, und somit auch das Stück der Neuen Bühne Bruck (NBB) nicht. Es gab den Premieregästen im voll besetzten Haus 11 des Veranstaltungsforums vielmehr den Auftrag mit auf den Weg, die Antwort für sich selbst zu finden.

Ein Büroangestellter wird eines Tages von einer seltsamen Frau von der Parkbank geschubst. Nur Sekunden später fliegt ein aus einem Fenster geworfener Globus an die Stelle, auf der der Mann gerade eben noch saß. Es ist der Start für eine Reihe skurriler Ereignisse, die den namenlosen Protagonisten des Stücks zur Erkenntnis führen: Diese Frau muss Gott sein.
Eine Frau ist Gott? Wer das Buchs von Hacke gelesen hat, stutzt an dieser Stelle – denn bei Axel Hacke ist der Welten-Erschaffer ein Mann. Dass Neue Bühne-Regisseur Philipp Jeschek die Rolle umdeutete und an seine Hauptdarstellerin Ellen Kießling-Kretz vergab, stellt sich dann aber im Verlauf der knapp eineinhalbstündigen Aufführung als genialer Kniff heraus.

Nicht nur, dass Kießling-Kretz die zwischen Überschwang und Zweifel chargierende Göttin auf wundersame Weise entrückt spielt. Der Kontrast zwischen der Vorstellung des Protagonisten und dem tatsächlichen Erscheinen von Gott tritt dadurch umso deutlicher zutage. Treffend deshalb, wenn Gott erklärt: „Die Menschen glauben nicht an mich, sondern an den Gott, den sie erfunden haben.“
Nicht minder überzeugt Alexander Schmiedel als im Alltag gefangener Protagonist, der noch immer um seinen verstorbenen Vater trauert, am Ende seiner Tage mit Gott aber seine Katharsis erfährt. Zwar weiß er ebenso wenig wie das Publikum, warum er auf der Welt ist. Doch nimmt er an, was Gott ihm als letzte Weisheit mit auf den Weg gibt: Ein jeder ist nur ein Moment des Lebens, den man nicht verstreichen lassen sollte. Diesen Wandel spielt Schmiedel nuanciert und glaubhaft.
Wer Hackes Werk nicht kennt, mag anfangs an den zuweilen skurrilen Momenten verzweifeln, die Jeschek im Sinne der Vorlage philosophisch und zunächst rätselhaft inszeniert. Was ist der kleine Büro-Elefant, mit dem der Protagonist spazieren geht? Oder wie soll es funktionieren, das steinerne Löwen durch einen brennenden Reif springen?
Und den Taktstock Gottes, mit dem er im Buch am Ende eine perfekte Welt schafft, ersetzt Jeschek durch einen vielleicht etwas zu prätentiösen und mit Techno unterlegten Schöpfungstanz. Doch wie bei Hackes Buch fügt sich am Ende alles zu einem runden Ganzen. Ein rundes Ganzes, das zwar keine abschließenden Antworten auf die Existenzfrage gibt, aber das begeistert Applaus spendende Premierenpublikum zum Nachdenken und Diskutieren anregte.

Andreas Daschner



Brucker SZ vom 5. November 2018:

Sinnsuche

Philipp Jescheck erzählt Axel Hackes "Die Tage, die ich mit Gott verbrachte" an der Neuen Bühne als rührendes Memento mori

Mit dem Gedanken, dass Gott eine Frau sein könnte, haben schon die alten Griechen geliebäugelt. Als eine der ersten Gottheiten aus dem Chaos entstand Gaia, die in der griechischen Mythologie für die Erde steht. Die Kulte um eine mythische Muttergöttin kann man sogar bis in die Steinzeit zurückverfolgen. Da hatten die Kelten ihre Matronen, später die Hindus mitunter die mächtige Durga.Und so hat Philipp Jescheck eben Ellen Kießling-Kretz.
Für die Bühnenversion von Axel Hackes Erzählung "Die Tage, die ich mit Gott verbrachte" an der Neuen Bühne Bruck hat der Regisseur die Schauspielerin in den Götterstand erhoben. In der Vorlage berichtet der Protagonist von dem Zufallstreffen mit einem älteren Mann, mit dem er daraufhin regelmäßige Spaziergänge unternimmt und der sich schließlich als Gott zu erkennen gibt. In Jeschecks Variante trifft der Erzähler, gespielt von Alexander Schmiedel, auf eine ältere Frau (Kießling-Kretz), die ihn wie ihr literarisches Vorbild von der Parkbank schubst, um ihn vor einem herabfallenden Globus zu retten.
Eine Meta-Ebene erhält die Geschichte bei Jescheck, indem er den Erzähler gleichsam zum Autor macht, der seine Erlebnisse rückblickend niederschreibt. Das tut er an seinem Schreibtisch sitzend, den Stift in der Hand. Die Requisiten in dieser Inszenierung sind spärlich, sie kommen nur dann zum Einsatz, wenn sie auch etwas zu sagen haben, wenn Gott seinen Ideenordner auspackt, zum Beispiel, und sich damit als Konzeptkünstler und Weltendesigner präsentiert, der auf vieles stolz ist, aber auch wünscht, einiges anders gemacht zu haben.
Vielsagend ist eben auch die Zirkulation von Schreibtisch und Stift. Wo zuerst der Mensch sitzt, sitzt bald darauf Gott, um dann wieder Platz für ersteren zu machen und ebenso wandern die Schreibgeräte im Laufe des Geschehens von Menschen- zu Götterhand und zurück. Dieser ganz beiläufig stattfindende Kreislauf wirkt wie eine stumme Verhandlung der Autorenrolle im Leben, ein Hin und Her von menschlichem Willen und überirdischem Schicksal, das am Ende mit Alexander Schmiedel als stolzem Verfasser seiner fertigen Memoiren in der schönen Feststellung mündet, dass das Dasein keinen Sinn hat, wenn der Mensch ihm durch das Schreiben seiner eigenen Geschichte nicht einen gibt.

Ein anderes Mal steht Gott mit Standuhr und Taschenlampe, Sinnbildern für die unkontrollierbaren Mächte Zeit und Licht, neben dem Menschen, der sich in seinem Leben verloren fühlt. Natürlich will jener wissen, was wohl jeder fragen würde, wenn er vor dem Schöpfer stünde: Wieso sind wir hier? Und: Wenn es einen Gott gibt, wieso geschehen dann all diese Grausamkeiten auf der Welt? Die Antwort scheint allerdings unbefriedigend: Es gibt keinen zentralen Sinn für die menschliche Existenz und das Böse gehört zum Leben dazu wie das Gute, weil das Schöne erst dann geschätzt werden kann, wenn es bedroht ist.
Wut, Reue und Unverständnis gehören zu den Emotionen, die die Schauspieler im Zuge der Handlung vermitteln. An vielen Stellen kann man aber auch durchaus lachen, etwa wenn Gott seine leeren Champagnerflaschen entsorgt oder den Menschen, der sich selbst als Krone der Schöpfung sieht, zum Nebenprodukt aus Langeweile degradiert. Manchmal ist es jedoch eher schwer, nicht zu weinen, sei es aus Erkenntnis oder Rührung, wenn einem das Leben als vergänglicher Moment in einem großen Ganzen vorgeführt oder ein verwittertes Familiengrab zur Manifestation von einstigem Glück wird.

Jeschecks Adaption von Hackes philosophisch-liebenswertem Text ist ein Stück weniger aus dem als über das Leben, das nachdenklich und irgendwie doch zufrieden stimmt. Die Besetzung der göttlichen Hauptrolle mit einer Frau dabei als so etwas wie einen feministischen Akt zu bezeichnen, ginge weit über das hinaus, was er mit seiner Inszenierung wohl veranschaulichen wollte. Es spielt letztendlich nämlich, unter anderem das nimmt man aus der Vorstellung mit, keine Rolle, wer oder was die Erde geschaffen hat. Wichtig ist letztlich nur, was die Erdenbewohner aus seiner, oder ihrer, Schöpfung entstehen lassen.


Valentina Finger


Weitere Informationen zu "Die Tage, die ich mit Gott verbrachte" finden Sie unter Stücke.

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