Neue Bühne Bruck
Brucker SZ vom 24. September 2018:

Der falsche Adolph

Die französische Komödie "Der Vorname" ist im Kino ein Hit. In der Version der Neuen Bühne Bruck ergibt sich eine unmittelbare Theatererfahrung - und ein großes Vergnügen

Wer vor rund drei Jahren die Hitler-Satire "Er ist wieder da" an der Neuen Bühne Bruck gesehen hat, dem sind im aktuellen Spielplan komische Momente vergönnt, die anderen Zuschauern entgehen müssen. Damals spielte Gerhard Jilka den auferstandenen Adolf Hitler, und das so brillant, dass man, noch während man über seine vorzüglich imitierte Nazi-Rhetorik lachte, vor seiner Gegenwart erschauderte. Frank Piotraschke, der die Saison 2018/19 an der Neuen Bühne nun mit der französischen Komödie "Der Vorname" von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière eröffnet hat, führte auch bei "Er ist wieder da" Regie. Es ist schwer vorstellbar, dass er nicht noch das Bild von Jilka in NS-Uniform im Kopf hatte, als er erneut mit ihm probte.
In "Der Vorname" spielt Jilka den Literaturprofessor Pierre, der mit seiner Frau Babou, (Kerstin Krefft) ein Abendessen für die Familie gibt. Als sein Schwager Vincent, gespielt von Dieter Fernengel, ihm eröffnet, dass er seinen Sohn Adolphe nennen möchte, steigert sich Pierre in eine Schimpftirade, in der man - und so viel Ironie ist Profis wie Jilka und Piotraschke durchaus zuzutrauen - etwas von den Wutausbrüchen seiner Hitler-Figur erkennen kann. Dass die sich nun gegen den Nazi-Namenspatron richten, ist ein raffinierter intertextueller Kniff. Er verpasst der ohnehin lustigen Szene den letzten Schliff.
Wenn man diesen Rückbezug nicht herstellen kann, ist das, was Piotraschke und seine fünf Darsteller mit dem Text von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière gemacht haben, noch immer zum Lachen. Was als eine hitzige Diskussion um erlaubte und verbotene Vornamen beginnt, steigert sich zu Kleinkriegen der Charaktere. Die zwischenmenschlichen Sympathien der Dinner-Gesellschaft wechseln permanent, mal sind es die besten Freunde Vincent und Pierre, die sich gegenseitig anprangern, mal die jeweiligen Ehepaare, die ihre Beziehung in Frage stellen. Etwas am Rande scheint bei all dem zunächst der gar nicht streitsüchtige Schein-Single Claude zu stehen. Dies geht auf die Spielweise von Theiss Heidolph zurück, der seine Figur, einen gehemmten Posaunenspieler, absichtlich reserviert hält, um am Ende mit dem größten Skandalgeheimnis überhaupt herauszuplatzen.
Eine der lustigsten Szenen ist, als Vincents Frau Anna (Rilana Nitsch), sich verwundert über Pierres Empörung darüber zeigt. Denn sie ist zu spät gekommen und ahnt nicht, dass ihr Mann sich mit "Adolphe" einen Scherz erlaubt hat. Sie geht davon aus, dass er den Freunden den Namen Henri verkündet hat. Alle Darsteller überzeugen in ihren Rollen, doch die Duo-Dynamik von Gerhard Jilka und Dieter Fernengel bildet das Herzstück der Inszenierung. Vor allem letzterer hat mit seinen wilden Grimassen und Gebärden, abgestimmt auf seine spitzbübischen Bemerkungen, die Lacher durchgehend auf seiner Seite.

Es ist kein Wunder, dass "Der Vorname", der 2010 in Paris uraufgeführt wurde, im Oktober bereits in seiner zweiten, diesmal deutschen, Filmfassung in die Kinos kommt. Die Geschichte funktioniert, weil sie unterschiedlichste Weltanschauungen und Lebensentwürfe zusammenbringt, weil sie Zwischenmenschliches in den Fokus stellt und aus Spaßmomenten mühelos ernste Emotionen entstehen lässt.
Das alles bleibt in Frank Piotraschkes Inszenierung des Stoffs erhalten. Doch statt an einer gedeckten Tafel spielen sich die Konflikte an der Neuen Bühne in einem Meer von Kissen ab, Sitzsäcke dienen als Stühle und wenn Vincent gegen Ende auf Claude losgeht, kommt es nicht zu einer Schlägerei, sondern zu einer Kissenschlacht. Bei aller Kuscheloptik des Bühnenbilds packt Piotraschke die komplexen Konstellationen nicht in Watte, im Gegenteil: Reduziert auf das Agieren der Schauspieler miteinander wird die Essenz der Beziehungskrisen herausgekitzelt. Heraus kommt eine unmittelbare Theatererfahrung, die sich anfühlt wie direkt aus dem Schlafzimmer der Figuren.

Valentina Finger


Brucker Tagblatt vom 25. September 2018:

Wenn ein Vorname zum Politikum wird

Neue Bühne Bruck feiert eine gelungene Premiere mit einem ungewöhnlichen Stück über "Adolf"

Einer von 27 000. Und das auch nur mit zweitem Vornamen. So häufig ist der Name Adolf in Deutschland, das hat eine Internetseite vor rund zehn Jahren einmal ermittelt. Kein Wunder, die Assoziation mit Hitler zwängt sich dem Deutschen ja förmlich auf. Aber auch die Franzosen denken beim romanisierten „Adolphe“ sofort an den Führer. Zumindest im Stück „Der Vorname“ von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière, inszeniert von Frank Piotraschke an der Neuen Bühne Bruck.

Zwei verwandte Ehepaare und ein enger Freund wollen zusammen zu Abend essen, der Abend beginnt mit der bestmöglichen Nachricht. Anna (Rilana Nitsch), die Frau von Vincent (Dieter Fernengel), ist schwanger. Vincent lässt seine Schwester Elisabeth (Kerstin Krefft), deren Mann Pierre (Gerhard Jilka) und Claude (Theiss Heidolph), den Freund der Familie, nach dem Namen raten.
Als Vincent den Namen „Adolphe“ verkündet, da reagiert Literaturprofessor Pierre, den Gerhard Jilka wunderbar spielt, so, wie man eigentlich gar nicht anders reagieren kann: „Du nennst deinen Sohn doch nicht wie Hitler??!!“ Aber was hat Vincents Sohn mit Hitler zu tun? Ist es ratsam, das Böse mit Tabus zu belegen, die ihm noch eine gewisse besondere Aura verleihen?

Diese Frage verhandelt das Stück in seiner ersten Hälfte, vor allem entlang des Streites zwischen Pierre und Vincent. Für Vincent ist nicht Adolf Hitler, sondern die Titelfigur eines französischen Romans der Namensgeber. „Adolphe ist für Adolfs Taten nicht verantwortlich“, sagt Vincent, der in seiner Argumentation dem Zuschauer rational nachvollziehbar etwas vorhält, was man mit dem emotionalen Empfinden nicht in Einklang bringen will: Wenn Adolf nicht geht, dann geht zum Beispiel auch Josef (Stalin) nicht.
Wieso diesen Namen nur Hitler überlassen und nicht wieder neu besetzen, fragt Vincent. Unterbewusst denkt man aber wohl trotzdem wie Pierre: Wer seinen Sohn Adolphe nennt, der ist geistig zurückgeblieben oder ein Faschist. Das Stück ist geschickt angelegt. Es ist aufregend, das Gedankenexperiment mit dem verfemten Vornamen nachzuvollziehen. Obwohl es nur um einen Namen geht, streiten Vincent und Pierre natürlich auf einer anderen Ebene um viel mehr. Ist das Private immer politisch? Wie geht man miteinander um, wenn man keinen Konsens findet? Das scheint das Stück immer wieder zu betonen.
Pierre ist ein Beispiel für die aufgeregte Gemütshaltung, die in heutigen politischen Debatten immer wieder zu beobachten ist: Seine Meinung ist die einzig richtige, er muss andere überzeugen. Einen Dissens auf sich beruhen zu lassen, ihn zu akzeptieren ohne dem anderen Verletzungen zuzufügen, das scheint für ihn nicht möglich.
Der Untergrund des Bühnenbildes ist zwar zur Gänze mit kuscheligen Kissen ausgelegt, darüber wird es aber immer spitzer und schärfer. Im zweiten Teil des Stückes ändert sich das Thema dann. Irgendwann wird der Streit um den Vornamen abgeschlossen.
Er war aber Türöffner: Denn jetzt, in aufgeheizter Stimmung, geraten die Verwandten und Freunde in einen riesigen Streit. Sie werfen sich alle die Dinge an den Kopf, die man seinen Nächsten schon lange sagen will: Es geht um schlechte Charaktereigenschaften, Probleme in der Ehe, mit den Kindern, lang gehegte Vorurteile gegenüber dem anderen, die man endlich rauslässt. Immer wieder werden Fragen gestellt, Fragen, auf die die Figuren sehr schmerzhafte Antworten erhalten.
Muss, will man alles wissen, oder wäre Schweigen nicht einfach die gnädigere Lösung, das scheint das Stück zu fragen? Dieser Familienkrach ist aber sehr, sehr amüsant und kurzweilig gespielt, mit spitzen Dialogen, das Publikum muss oft und ausdauernd eine Lachpause nehmen. Der Kampf um die Rechte zur Aufführung in Fürstenfeldbruck, den Intendant Harald Molocher geführt hat, hat sich gelohnt.

Fabian Dilger

Weitere Informationen zu "Der Vorname" finden Sie unter Stücke.

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