Neue Bühne Bruck
Brucker SZ vom 28.09.2021:

Zwei Vorkämpferinnen der Emanzipation

Die Neue Bühne Bruck beschäftigt sich in einer berührenden Inszenierung mit den Schriftstellerinnen Fanny zu Reventlow und Lena Christ, die sich gegen die Erwartungen und Widerstände von Familie und Gesellschaft behaupten mussten.

"Ich bin so reich nach allen Seiten und mir fehlt doch so viel." Diesen Satz schreibt Franziska zu Reventlow im Februar 1901 in ihr Tagebuch - und fasst damit ein Leben voller Höhen und Tiefen zusammen. Höhen und Tiefen die auch Lena Christ durchleben musste. Beide Autorinnen haben sich in ihren sozialkritischen Texten und Lebensstilen vor etwa 100 Jahren mit der Stellung der Frau beschäftigt. Deshalb hat sie Regisseur Matthias Friedrich als Protagonistinnen für seine szenische Lesung "Die kleinste Fessel drückt mich unerträglich" an der Neuen Bühne Bruck gewählt.

"Königlich-bayerische Autoren" ist das Vortragsthema, für das die Stadtarchivare Büchl (Patricia Flür) und Doktor Lesner (Walter Cordier) geeignete Autoren suchen. Büchl schlägt die "Skandalgräfin" Fanny zu Reventlow (Katrin Bielski) und die sozialkritische Beobachterin der "kleinen Leut" Lena Christ (Judith Gebele) vor. Doch erst einmal will Lesner von Schriftstellerinnen nichts wissen. Und überhaupt seien die beiden Frauen viel zu unterschiedlich und passten thematisch gar nicht zusammen. Die eine adelig, selbstbewusst, extrovertiert und sich allen elterlichen Forderungen wiedersetzend. Die andere bäuerlich, introvertiert und devot. Und so muss Büchl den Kollegen mit den Autobiografien "Ellen Olestjerne" von Reventlow und "Erinnerungen einer Überflüssigen" von Christ sowie Briefen und Aufzeichnungen überzeugen.

Und so erwachen Fanny und Lena auf der Bühne zum Leben, erzählen von sich und zeichnen gleichzeitig ein verstörendes und berührendes Bild der Münchner Prinzregentenzeit. Mal reden sie ganz frei, mal lesen sie aus der Mappe in ihrer Hand ab. Besonders Judith Gebele als Lena liefert eine ausgezeichnete schauspielerische Leistung ab - sie spielt oft frei und verleiht jeder Szene durch ihren bairschen Dialekt und bewegenden Momenten große Lebendigkeit. Der Zuschauer bekommt die Möglichkeit, in Lenas Gefühlswelt einzutauchen. Die Gasthoftochter fühlt sich stets überflüssig, ungeliebt und ungenügend. Besonders von ihrer Mutter (Patricia Flür) wird sie regelmäßig misshandelt, sie schenkt ihr keinerlei Liebe, lässt sie lieber stundenlang schuften - ein irrationales Abhängigkeitsverhältnis entsteht. Mehrmals versucht sich Lena in ihrer Verzweiflung das Leben zu nehmen. Die Mutter bleibt abweisend. "Bist du no net hie?", ist ihre einzige Reaktion. Sobald sich Büchl ihre graue Strickjacke um den Bauch bindet, wird sie zur herzlosen Mutter. Mit strengem Blick und dunkler Stimme erfreut sie sich in grantigem Bairisch daran, ihre Tochter zu quälen.

Die unterschiedlichen Leben werden auch durch die Wahl der Kleidung visualisiert. Die devote, verunsicherte und fasst gebrochene Haltung von Lena wird durch die junge, kleine, blonde Judith Gebele verstärkt. Sie trägt eine brave Flechtfrisur und spricht mit scheuem Blick. Ein frommes, schwarzes Kleid mit Karree-Ausschnitt betont sowohl ihre Verletzlichkeit als unterwürfige Tochter, als auch ihre einfache Herkunft. Fanny dagegen tritt mit strengem Dutt und transparenter Bluse auf. Das Kleidungsstück ist zwar hochgeschlossen und bedeckt den Oberkörper, durch das schwarze Organza blitzt aber immer wieder die Haut durch. Sie trägt zudem kein Kleid, wie es sich für eine Frau im 19. Jahrhundert gehört, sondern eine Hose. So kreiert Regisseur Friedrich eine starke und unabhängige Erscheinung, die mit den Normen der damaligen Zeit bricht.

Verbunden werden die Szenen durch Büchl und Lesner, die in die jeweils nächsten Lebensabschnitte der Frauen einleiten. Die Inszenierung konzentriert sich dabei auf die Jugend der Schriftstellerinnen und rückt generell die Biografien in den Vordergrund, die Schriften der beiden werden kaum thematisiert. Dafür aber ihre Gemeinsamkeiten. Festgehalten werden sie von Lena auf einer Kreidetafel. Damit entblößen sich die beiden Frauen zwar emotional, verdeutlichen aber auch, was sie im Laufe ihres Lebens getan haben - ihre Erfahrungen mit Worten verarbeiten. Am Anfang sind nur "Kunst" und mit etwas Abstand "überflüssig" auf der Tafel zu lesen. Kunst, weil auch das Schreiben, in das sich die beiden Frauen retteten, eine Kunstform ist. Überflüssig, da beide oft das Gefühl hatten, nicht gebraucht oder geliebt zu werden. Wörter wie Mann, Arbeit, Weib, Prostitution, kommen hinzu - und machen deutlich, mit welchen Krisen die Schriftstellerinnen zu kämpfen hatten. In besonders entscheidenden Momenten treten die Schauspielerinnen an ein Mikrofon. Etwa, als Lena über ihre unglückliche Ehe und die ständigen Vergewaltigungen spricht: "Dann übte er sein Eherecht aus."

Und so gelingt es der Inszenierung nicht nur, dem Zuschauer zwei eindrucksvolle Persönlichkeiten nahe zu bringen, sondern zeigt auch, wie prägend und vor allem notwendig Figuren wie Christ und Reventlow waren - als erste Schritte auf dem Weg zur Emanzipation der Frau.

Johanna Haas

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