Neue Bühne Bruck
Brucker Tagblatt, 10.02.2020

Auch das Publikum zweifelt an Unschuld des Paters
Neue Bühne feiert gelungene Premiere mit einem preisgekrönten Stück

Eine kirchliche Schule. Ein einsamer Junge, der sich plötzlich seltsam zu verhalten scheint, Ein freundlicher Priester, der sich diesem Schüler besonders zugewandt hat. Ein, zwei unbedachte Sätze von jemandem, der eigentlich keine Ahnung hat - und schon ist er in der Welt, der böse Verdacht. Zu Recht? Zu Unrecht? Die Zweifel ziehen sich durch das gesamte gleichnamige Stück von Patrick Shanley, das in einer Inszenierung von Frank Piotraschke an der Neuen Bühne Bruck eine heftig beklatschte Premiere feierte.
Geschrieben wurde das mit dem renommierten Pulitzerpreis ausgezeichnete Stück im Jahr 2004, angesiedelt ist es 40 Jahre früher. Das Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen damals nicht wirklich ein Thema war, sei dahingestellt. Wichtig für die Handlung ist das rassistische Amerika der 1960er-Jahre, als ein schwarzer Junge an einer "weißen" Schule einen schweren Stand hatte.
"Pater Flynn beschützt ihn", antwortet die junge Schwester James (Anne Urbanek) auf die Frage ihrer Vorgesetzten Schwester Aloysius (Petra Wintersteller), ob der Junge von den anderen Kindern drangsaliert werde. Die Schulleiterin ist alarmiert. Was hat Pater Flynn (René Oltmanns) mit dem Jungen zu schaffen? Dann stellt sich heraus, dass Priester und Schüler allein im Pfarrhaus waren, nachdem der Junge angeblich vom Messwein gekostet hat. Aus eigenem Antrieb - oder wurde ihm der Alkohol eingeflößt? Für die verbiesterte, selbstgerechte Schwester Aloysius lassen die kargen Fakten nur einen Schluss zu. Der Pater hat sich an dem Jungen vergangen. Ohne einen einzigen greifbaren Beweis auch nur zu suchen, geschweige denn in der Hand zu haben, startet sie einen Feldzug aus Verdächtigung und Verleumdung. Der Pater, ein fortschrittlicher und beliebter Lehrer, kann noch so sehr seine Unschuld beteuern und um seinen Ruf kämpfen.
Doch ist der Pfarrer wirklich so völlig unschuldig? Geschickt sät das Stück Zweifel beim Zuschauer. Oltmanns gelingt es, dass man trotz aller Sympathie seiner Figur gegenüber eine Spur Unbehagen empfindet. Die junge, gutherzige Schwester James droht zwischen den beiden Hauptakteuren zerrieben zu werden, die sich wie die Kampfhähne umkreisen und in präzise inszenierten Dialogen aufeinander losgehen.
Grandios ist an diesem Stück nicht zuletzt, wie Petra Wintersteller als Schwester Aloysius ihre Mimik einsetzt, wie sie von den hochgezogenen Augenbrauen bis zu den herabgezogenen Mundwinkeln Säuerlichkeit ausstrahlt. Wie sie winzige Laute mit Missbilligung aufladen kann und immer davon überzeugt ist, im Recht zu sein.
Aus der Fassung bringt sie - nur kurz - eine Begegnung mit dem echten Leben in Gestalt der Mutter des angeblichen Missbrauchsopfers (Patricia Flür) - einer Frau, die sich ohne viel Aufhebens mit der Realität abfindet und das Beste daraus zu machen versucht. Gewinner gibt es nicht in diesem höchst sehenswerten Stück. Selbst Schwester Aloysius kann zuletzt nur noch (ver-)zweifeln.

Ulrike Osman

Brucker SZ, 17.02.2020

Eine Nonne in Hab-Acht-Stellung
Frank Piotraschke inszeniert an der Neuen Bühne Bruck das pulitzerprämierte Missbrauchsstück "Zweifel". Dabei verlässt er sich vor allem auf die Dynamik des Textes.

Im Mittelpunkt ein Kreuz aus Holz, bühnenbodenfüllend, klobig, aber Halt gebend in den schweren Zeiten, die hier noch bevorstehen. Eine naheliegende Entscheidung, um eine so übermächtige Institution wie die Kirche zu demonstrieren. Vielleicht etwas zu naheliegend. Sonst ist da nichts, bis auf das Schwarz der umgrenzenden Vorhänge, die das ebenso schwarze Gewand des Priesters Flynn verschlucken. René Oltmanns als Vater Flynn steht auf dem Fuß des Kreuzes, erhoben, erhaben, halb zum Publikum gewandt. "Zweifel", sagt er und adressiert damit seine Schüler, von denen kein einziger physisch in dem Stück vorgesehen ist, "kann ein ebenso starkes Band sein wie Sicherheit." Er blickt ins Licht des Scheinwerfers, spricht womöglich eher zu sich selbst als zu seinen Schülern. Er wird diese Zuversicht noch brauchen.

Die Rede des Priesters, der Religions- und zugleich Sportlehrer an einer kirchlichen Schule im New Yorker Stadtteil Bronx ist, ein richtig tougher Typ also mit Potenzial zum Lieblingslehrer, der nicht nur klug ist, sondern auch Körbe werfen kann, ist die intellektuelle Vorhut des mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Theatertextes "Zweifel" von John Patrick Shanley. Frank Piotraschke hat das Vier-Personen-Stück des amerikanischen Autors an der Neuen Bühne Bruck inszeniert. Es steht auf erstaunlich wenig Spielplänen deutscher Theater, und das, obwohl das Stück so aktuell ist wie zu seiner Entstehungszeit 2003. Damals hatte die Tageszeitung Boston Globe gerade den sexuellen Missbrauchsskandal an der Erzdiözese Boston offengelegt. Allein dort hatten sich 90 Priester an etwa 1000 Kindern und Jugendlichen vergangen. Die Taten standen stellvertretend für so viele dieser Art, die in der römisch-katholischen Kirche bereits vorgekommen waren und noch folgen sollten. In den USA, in Irland, in Deutschland, auf der ganzen Welt.

In "Zweifel" wird Vater Flynn von der rigiden Schulleiterin und Nonne Aloysius bezichtigt, "unsaubere Dinge" mit dem einzigen schwarzen Schüler Donald Muller, der noch dazu von Mitschülern gemobbt und vom Vater verprügelt wird, angestellt zu haben. Eindeutige Beweise hat sie zwar nicht, doch ihr genügt, was Schwester James (Anne Urbanek) ihr berichtet: Donald war bei Vater Flynn im Pfarrhaus, kam ganz verstört in den Unterricht zurück und roch nach Alkohol. Donald selbst kommt im Stück nicht vor, es sieht also zunächst alles nach einem Verbund der Frauen gegen die Dominanz des Mannes aus - wären da nicht diese Zweifel. Zweifel darüber, ob es denn wirklich stimmt, was Schwester Aloysius vermutet. Zweifel, ob sie die richtige Entscheidung trifft, wenn sie für Vater Flynns Versetzung sorgt. Dem Zuschauer wird ein Urteil selbst überlassen bleiben.

Petra Wintersteller spielt Schwester Aloysius, verdruckstes Lächeln folgt weit aufgerissenen Augen, schnippisches Interesse weicht ehrlicher Erregung, als sie von der etwas naiven Schwester James erfährt, was Vater Flynn womöglich im Schilde führt. Wintersteller spielt mit genau der richtigen Hab-Acht-Nuance, die man sich für diese Rolle wünscht, ihre Schwester Aloysius ist kein kinderhassendes Biest, als das man sie interpretieren könnte, sondern birgt einen Kern aufrichtiger Fürsorge. Die Aufführung bleibt im Jahr 1964 verhaftet, Nonnenkluft ist Nonnenkluft, der Bühnenraum kahl wie jedes Kloster, Oltmanns ein irritierend charmanter Ruhepol, dessen Säuseln irgendwann in verteidigendes Gebrüll übergeht und ja, den Zuschauer genau wie Schwester James durchaus an der Schuld des Priesters zweifeln lässt.

Das alles ist gut, eine solide Inszenierung, aber auch nicht mehr. Piotraschke verlässt sich ein wenig zu sehr auf die Dynamik des Textes, da ist wenig Luft für visuelle Ideen, kaum Mut zum Weiterdenken. Ein halbherziger Bruch ist da Paradiesvogel Patricia Flür als Mutter von Donald. Im blumenbunten Kleid erscheint sie zum Gespräch mit Schwester Aloysius, spricht in übermotivierter Trällerstimme ihr Vertrauen für Vater Flynn aus. Wo wenig Platz für Visionäres ist, bleibt Raum für das Spiel. Und das wickelt einen dann doch geschmeidig um den Finger - wenn auch mit Zweifeln.

Carolin Werthmann

All you need is love
Effi Briest
All you need is love
All you need is love
In Impro Veritas
Effi Briest