Neue Bühne Bruck
Neu arrangierte Beatles-Songs begeistern Theater-Publikum

Vier Frauen und die Musik der Beatles – in „All you need is love“, der aktuellen Produktion der Neuen Bühne Bruck (NBB), ergibt das eine höchst gelungene Mischung. Weil die zeitlosen Songs perfekt in die Handlung passen. Und weil sie von den Darstellerinnen wunderschön vorgetragen werden. Das Premierenpublikum war begeistert.

NBB-Intendant Harald Molocher wollte genau diese vier Frauen – Patricia Flür, Sabine Ostermeier, Josephine Volk und Marion Nitsch – zusammen auf die Bühne bringen und beauftragte Regisseur Olaf Dröge mit der Suche nach einem passenden Stück. Es gab keins. Deshalb setzte Dröge sich hin und schrieb dem Quartett eine Tragikomödie auf den Leib.

Sie handelt von den drei ungleichen Schwestern Clara, Gela und Ellie und ihrer Stiefmutter Sonia. Nach der Beerdigung des Vaters sitzen die vier zusammen, Erinnerungen kommen hoch, unterschiedliche Lebensentwürfe und Persönlichkeiten prallen aufeinander. Die herbe, direkte Clara hat die Karriere für ihre Familie auf Eis gelegt und steht nun vor den Trümmern ihrer Ehe. Gela hat nach langem Single-Dasein mit 40 endlich den Mann fürs Leben gefunden.

Ellie, alleinerziehende Mutter, führt als meist beschäftigungslose Schauspielerin einen ständigen Existenzkampf. Sonia, die typische, dem Mann den Rücken freihaltende Ehefrau, hat sich nach Kräften um ein gutes Verhältnis zu ihren Stieftöchtern bemüht. Und doch war da nie das, was zwischen leiblichen Eltern und Kindern existiert – „diese Liebe, die einfach da ist“, wie Sonia traurig feststellt. „Stiefmutter sein ist ein Scheißjob.“
Dröge hat das Stück mit leichter Hand geschrieben und inszeniert. Trauer und tragische Momente wechseln mit Komik, ohne dass es gezwungen wirkt. Verbundenheit und Verletzungen liegen nah beieinander, so wie das eben ist unter Geschwistern, wo man sich Wahrheiten ungefiltert an den Kopf wirft, um im nächsten Moment wieder Frieden zu schließen.

Wenn die Vier zusammenrücken und singen, herrscht die pure Harmonie. Bei der Uraufführung des Stückes gab es für jeden der von Josephine Volk und Patricia Flür speziell für die vier Frauenstimmen arrangierten Beatles-Songs Zwischenapplaus. Stimmungsmäßig greifen die Lieder mühelos den Handlungsfaden auf – ob es das traurige „Yesterday“ ist, das trostlose „Eleanor Rigby“ oder das hoffnungsvolle „Here comes the sun“, mit dem sich das Stück in die Pause verabschiedet.
Doch nichts kann einen auf die Überraschung vorbereiten, die zu Beginn des zweiten Akts für Lacher sorgt, bevor überhaupt ein einziger Satz gesprochen ist. In der Handlung ist ein ganzes Jahr vergangen und vieles hat sich gedreht. Das Leben geht weiter – und wie glücklich man es leben kann, hängt entscheidend von der Fähigkeit zur Liebe ab. Die Erkenntnis ist nicht neu, aber in diesem Stück besonders gelungen verpackt.

Ulrike Osman

Fürstenfeldbrucker Tagblatt, 21.10.19



Come together

Olaf Dröge inszeniert an der Neuen Bühne Bruck gekonnt sein Stück "All You Need Is Love". Was die Darstellerinnen der höchst unterschiedlichen Schwestern und ihrer Stiefmutter immer wieder zusammenkommen lässt, ist allein die Musik der Beatles.

Es ist rund 50 Jahre her, dass Tausende, vorrangig weibliche, Musikfans auf der ganzen Welt der sogenannten "Beatlemania" verfielen. Um die vier jungen Musiker aus Liverpool entwickelte sich eine Massenhysterie, wie es sie zuvor noch nicht einmal um Elvis Presley gegeben hatte. Kritisch beäugt wurde das Phänomen durchaus, Ohnmachtsanfälle im Publikum und Polizeieinsätze waren häufig Begleiterscheinungen von Beatles-Konzerten. So oder so bestätigt sich darin allerdings die Beobachtung, die immer wieder von den unterschiedlichsten Seiten getätigt wird und die mittlerweile eigentlich schon zum Klischee geworden ist: Musik führt die Menschen zusammen.
Für einen intimeren Rahmen hat Olaf Dröge diesen verbindenden Effekt in seiner aktuellen Inszenierung an der Neuen Bühne Bruck verarbeitet. Dröge hat bei "All You Need Is Love" nicht nur Regie geführt, sondern das Stück auch selbst geschrieben. Vier Frauen, drei Schwestern und ihre Stiefmutter, die nicht viel gemeinsam haben, kommen darin zur Beerdigung des Vaters zusammen. Der hat gerne die Beatles gehört. In den Momenten also, in denen die Vier beisammenstehen und in mehrstimmigen Arrangements "Yesterday", "Let It Be" oder "Here Comes the Sun" singen, sind alle Unterschiede vergessen, Streitigkeiten dürfen für die Dauer des Songs pausieren.
Der Tod des Vaters ist lediglich ein austauschbarer Ausgangspunkt für feine Charakterstudien. Es sind vieldimensionale Charaktere, die Dröge und seine Darstellerinnen sehr unmittelbar auf die Bühne bringen. Clara (Sabine Ostermeier), die älteste Schwester, ist zynisch und tough, sieht sich jedoch mit einer Scheidung und verpassten Chancen konfrontiert, was die Maske der starken Frau zum Bröckeln bringt. Gela (Patricia Flür), die mittlere, ist Lehrerin, entsprechend geduldig und hat nach vielen Jahren des Alleinseins mit 40 die große Liebe gefunden. Die Jüngste, Elli (Josephine Volk), steht jeden Tag vor den Herausforderungen einer alleinerziehende Mutter und erfolglosen Schauspielerin. Und Sonja (Marion Nitsch), die Stiefmutter, hat ihren Mann verloren und kämpft seit Jahrzehnten um die Liebe ihrer Stieftöchter.
Vieles davon ist anders im zweiten Teil des Stücks, der eine Weile nach dem Trauerfall angesiedelt ist. Das bestürzte Beisammensein ist einem freudigen Anlass gewichen: Elli heiratet und wünscht sich eine Beatles-Show mit ihren Schwestern. Die Schwermut hat, vor allem dank der schneidenden Direktheit von Ostermeiers Clara, dem Komischen Platz gemacht. Nur manchmal noch schimmern die gescheiterten Aspekte des Lebens unter den Glitzerkostümen, Hippie-Perücken und John-Lennon-Brillen der Protagonistinnen hindurch.

Die das Genre wechselnde Zweiteilung ist ein sehr abrupter Bruch, der keine mühelos kohärente Handlung zulässt. Doch diese ist ohnehin nicht das, was von Dröges Tragikomödie hängen bleibt. Zwei Dinge sind es vielmehr, die in der Inszenierung gelungen sind.
Zum einen sind das die stimmigen und hochwertigen Gesangsparts, die jeder für sich den individuellen Stimme ihren Raum lassen und die Gefühle des jeweiligen Moments treffend aufgreifen.
Zum anderen ist das nicht nur die gekonnte Figurenzeichnung, sondern auch die Zusammenführung der sehr individuell ausgearbeiteten Charaktere. Diese Entwicklung erfolgt schrittweise, immer wieder aufs Neue durch Musik, Und sie ist auch sichtbar: Sitzen die Darstellerinnen sonst meist entfernt an den Ecken der Bühne, so kommen sie zum Singen dann doch jedes Mal ganz und eng am Klavier zusammen.

Valentina Finger

Fürstenfeldbrucker SZ, 20.10.19



Weitere Informationen zu "All you need is love" finden Sie unter Stücke.

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