Neue Bühne Bruck
Brucker SZ vom 05.10.2020:

Wie 2020

Wegen der Pandemie bringt die Neue Bühne Bruck Ödön von Horvaths Stück "Der ewige Spießer" als szenische Lesung heraus. Die hat viele Zuschauer verdient, denn die präsentierten Typen und Dialoge gibt es noch immer.

Den Vorabend des Tags der Deutschen Einheit als Premierentag zu wählen, hätte durchaus ein Glücksgriff sein können. Die Auswahl des Textes und die schwungvolle Bühnenpräsentation waren zweifelsohne ein Glücksgriff. Unterhaltsamer, eindringlicher, witziger oder böser kann man sich der deutschen Geschichte nämlich gar nicht nähern als mit Ödön von Horváths "Der ewige Spießer". Der Roman spielt 1929, doch fühlt es sich an wie 2020. Die Typen, die Dialoge sind wiedererkennbar. Bis heute unverändert herrscht der Kampf ums Geld. Selbst die Schauplätze sind die selben geblieben. Von der Schellingstraße bis nach Feldafing. Nur, dass am Marienplatz keine Autos mehr fahren.

Schade, dass das Publikum nicht so zahlreich wie erwartet erschien. Mag sein, dass der Feiertag zu einem Kurzurlaub in den Bergen verlockte. Oder es gab Verwirrung beim Kauf der Eintrittskarten mit dem neu angelegten Ticketsystem. Wegen der Abstände werden statt 99 Besuchern ohnehin nur noch 40 eingelassen. Wer Angst vor Ansteckung hat, sollte unbesorgt sein.

Der gesamte Spielplan 2020 wurde im März über den Haufen geworfen. Regie, Schauspieler, alles war fix. Und dann das Nichts. "Lassen wir es halt bleiben, war da ein Gedanke," sagt Alexander Schmiedel, der erst im Herbst 2019 die Leitung der Neuen Bühne Bruck übernommen hat. Aber nach dem Schock kamen gleich die ersten Ideen: "Machen wir halt was Neues".

Mit "Der ewige Spießer" als szenische Zwei-Personen-Lesung ist der Neueinstieg in den Corona-Herbst vortrefflich gelungen. Die Betonung liegt auf "szenisch", denn Szenen des Romans werden nicht nur gelesen, sondern gespielt. Alexander Schmiedel stellt durchgehend die Hauptfigur des ersten Teils, Alfons Kobler, dar. Der sieht sich als Kaufmann und tut, was ihm nützt. Ungeniert verkauft Kobler das Schrott-Kabriolett seiner 20 Jahre älteren Sugar-Mummy-Geliebten an einen Rosenheimer Käsehändler und behält die 600 Mark für sich.

Das ist der Ausgangspunkt der Kobler-Geschichte. Kobler ist kein böser Mensch. Er ergreift Chancen und will was aus sich machen. Auch aus dem kleinen Startkapital will Kobler mehr machen. Dabei stellt sich schon gleich am Anfang heraus, dass Koblers Vergehen harmlos sind. Da schimpft sich ein Dilettant Experte und drängt den Rosenheimer zum Kauf des Kabrioletts. Faschistische Zwerge, antisemitische Schläger, Spitzel begegnen Kobler. Selbst als er eine reiche Unternehmerstochter zum Heiraten findet, benutzt die ihn für ein Schäferstündchen, wählt dann aber doch den noch reicheren Amerikaner.

Kerstin Krefft übernimmt den Part der Gesprächspartner. Dabei passt sie in bemerkenswerter Verve den Akzent dem jeweils Sprechenden an. Egal ob Wienerisch, Bairisch oder Rheinländisch, Kerstin Krefft beeindruckt nachhaltig mit ihrem Talent. Auch Alexander Schmiedel arbeitet mit sprachlichen Eigenheiten. Alfons Kobler ist ja ein Münchner, also ein Städter ohne echten Dialekt. Eher kurz angebunden als ein Schwätzer.

Die Reise durch Europa, die Kobler antritt, um sich bei der Weltausstellung in Barcelona eine reiche Frau zu angeln, führt durch den Berg-Isel-Tunnel in Tirol. Hier zeigt sich die Doppelbödigkeit des Textes in aller Deutlichkeit, wenn die österreichischen Fahrgäste prophetisch in ihre Zukunft blicken: "Jetzt ist es finster - Vielleicht wird's noch finsterer - Kruzitürken, ist das aber finster". Die Prostitution mit ihren Nutznießern und Opfern erklärt im zweiten Teil Anna Pollinger und ihre Geschichte. Hier zeigt Horváth den Ausweg aus der Misere auf. Eine selbstlose Tat, ein Akt der Hilfsbereitschaft ändert das gesamte Gefüge. Es wird nicht länger nach unten oder zurück getreten. Es menschelt. Der arbeitslose Held Reithofer durchbricht das Rad des Schicksals.

Horváth schreibt im Prolog, er wage nicht zu hoffen, dass er das Weltgeschehen beeinflussen könne. Zumindest hat er das Weltgeschehen 1929 und 2020 zugleich beschrieben. Und mit dem Ausspruch von Koblers Reisebegleiter Schmitz, er sähe ein "Pan-Europa, aber ohne Großbritannien" bewies Horváth eine Hellsicht, die ihresgleichen sucht. "Der ewige Spießer" steht noch im Oktober und November auf dem Spielplan. Die Gelegenheit sollte sich niemand entgehen lassen. Großartig rundherum: Inhalt, Darstellung und Stimmung in der Neuen Bühne Bruck. Jeder gut gelaunte Zuschauer trägt dazu bei, das Weltgeschehen zu verändern.

Sonja Pawlowa


Brucker Tagblatt vom 08.10.2020:

Premiere hätte mehr Publikum verdient

Mit einer szenischen Lesung aus Ödön von Horváths zeitlosem Roman „Der ewige Spießer“ hat die Neue Bühne Bruck (NBB) die Saison eingeleitet und die mehr als halbjährige Corona-Zwangspause beendet.

Kerstin Krefft und Alexander Schmiedel lieferten auf der Bühne eine Marathon-Leistung ab. Sie hätte deutlich mehr Zuschauer verdient gehabt, als zur Premiere den Weg in die NBB fanden.

„Der ewige Spießer“ ist ein Buch der kleinen Leute, der scheiternden Existenzen, die sich irgendwie durchwurschteln in einer Welt, in der man sich Menschlichkeit kaum noch leisten zu können glaubt. Man schreibt das Jahr 1929, die Weltwirtschaftskrise tobt, radikale Ideologien greifen um sich. Im Mittelpunkt der satirischen, nur lose miteinander verknüpften Szenen stehen Autoverkäufer Alfons Kobler, seine ehemalige Geliebte Anna Pollinger und der arbeitslose Josef Reithofer.

Kobler hat sich einen Haufen Geld mehr oder weniger ergaunert, reist damit nach Barcelona und will sich eine reiche Frau angeln. Das misslingt. Welche Überraschung – wer nur in der Mission Eigennutz unterwegs ist, dem wird auch in der Außenwelt nur Eigennutz begegnen. Anna Pollinger gerät auf ihrer Suche nach Liebe immer wieder an die falschen Männer, rutscht in die Prostitution und kann irgendwann kaum noch glauben, dass ihr jemand ehrlich helfen möchte. „Dass einem ein Mensch mit einem Rettungsring nachlaufen tät’, das gibt’s doch gar nicht.“

Doch, gibt’s – ein Funken Hoffnung in einer düsteren Welt. Krefft und Schmiedel schlüpfen – stimmlich wunderbar wandelbar – in die verschiedenen Rollen und bewegen sich synchron zwischen Stühlen und Barhockern. Zugegeben, einer Lesung zu folgen, verlangt vom Zuschauer mehr Konzentration als ein Theaterstück. Da eine gespielte Handlung weitgehend fehlt, gibt es umso mehr Text. Wenn der aber so gut beobachtet, ironisch, entlarvend und allgemeingültig ist wie dieser, und wenn er dann noch so glänzend vorgetragen wird wie hier, dann ist ein gelungener Theaterabend garantiert.

Warum das NBB-Publikum, das normalerweise jede Premiere bis auf den letzten Platz besetzt, dieses Mal so zurückhaltend war, ist ein Rätsel. Selbst die aufgrund der Abstandsregeln ausgedünnten Stuhlreihen blieben zu mehr als der Hälfte leer. Umso lauter klatschten die, die da waren.

Ulrike Osman

Der ewige Spießer
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In Impro Veritas