Neue Bühne Bruck
Brucker Tagblatt, 19.02.2022:

Premierenpublikum feiert „Tanzstunden“ an der Neuen Bühne

Zufall oder nicht – am Abend, bevor sich ein Teil der Fernsehnation vor der neuen Staffel der RTL-Erfolgsshow „Let’s Dance“ versammelte, feierte auch die Neue Bühne Bruck die Magie des Tanzens.

Fürstenfeldbruck – „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ des 1948 geborenen US-Autors Richard Alfieri ist eine Tragikomödie voller bissiger Dialoge und treffsicherem Humor, aber auch voller berührender, nachdenklicher Momente.

Lily (Marion Nitsch) ist die Witwe eines Baptistenpredigers aus den Südstaaten, Michael (René Oltmanns) ein schwuler Tanzlehrer – zwei Menschen, deren Wege sich im Normalfall niemals kreuzen würden. Doch Lily will ihren einsamen Alltag aufpeppen und bucht Michael über eine Agentur für ein paar Tanzstunden. Um ein Haar kommt es nicht mal zu einer einzigen.

Zwischen den beiden fliegen schon in den ersten Minuten dermaßen die Fetzen, dass sie ihn gleich wieder rausschmeißen will. Doch die Sehnsucht zu tanzen ist größer. Und als das ungleiche Paar die ersten gemeinsamen Schritte tut, wird auch klar, warum. Lilys säuerliche Miene verwandelt sich in ein seliges Strahlen, und der provokante Zyniker Michael kann nur noch staunen – die „verknöcherte alte Schachtel“ braucht keinen Unterricht, sie braucht nur einen adäquaten Tanzpartner.

Verwundete Seelen

Das Muster wiederholt sich in der ersten Hälfte des Stücks. Die beiden geraten aneinander, beleidigen und belügen sich, bevor bei Tango, Wiener Walzer und Foxtrott alle Dissonanzen vergessen sind. Das Tanzen bringt aber nicht nur Momente der Harmonie. Es löst Blockaden in zwei verwundeten Seelen. Michael lässt nach und nach die aufgesetzte tuntige Fassade fallen. Ganz weich und leise wird er, wenn er von seiner Mutter erzählt, von seiner großen Liebe und den missglückten Affären. Auch Lily schleppt hinter ihrer Schroffheit viel Ballast mit sich herum. Staunend stellen die beiden fest, wie immer mehr Vertrauen und Nähe zwischen ihnen wachsen.

Kann das wahr sein? Darf man sich darauf einlassen? Sich dem anderen verpflichtet fühlen – „das ist doch der Lackmus-Test für Freundschaften“, schreit Michael, als Lily seine Fürsorge zurückweisen will.

Dass die nach und nach erzählten Lebensgeschichten ein wenig mit tragischen Klischees überfrachtet sind und manche Selbsterkenntnis reichlich plakativ daherkommt („ich kämpfe mein ganzes Leben gegen Vorurteile, dabei hab’ ich selber welche“) – Schwamm drüber. Viel guter Witz, rasante Dialoge und vor allem das brillante, nuancenreiche Spiel von Oltmanns und Nitsch machen die Inszenierung von Petra Wintersteller zu einem Muss. Vom Premierenpublikum wurde sie zurecht gefeiert.

Ulrike Osman


Brucker SZ, 23.02.2022:

Sonate auf der Klaviatur menschlicher Emotionen

Bei der Premiere von "Sechs Tanzstunden in sechs Wochen" gibt es an der Neuen Bühne Bruck die ganz großen Gefühle - so gut inszeniert, dass es nie kitschig wird.

Zum Abschluss gibt es eine Träne. René Oltmanns steht auf der Bühne, zusammen mit seiner Spielpartnerin Marion Nitsch, und empfängt den begeisterten Applaus des Publikums, als für einen Moment die Emotionen übernehmen. Nicht mehr als Schauspieler in seiner Rolle des Michael. Sondern als René, in seiner Rolle als Mensch. Eine Träne, so ehrlich, so angebracht, so zwangsläufig, dass sie den Abend besser zusammenfasst, als es Worte könnten. Zwei Stunden haben Oltmanns und Nitsch zuvor eine selten berührende Sonate auf der Klaviatur der menschlichen Emotionen gespielt. Mit einer Leidenschaft, wie man sie fast nur auf kleinen (Laien-)Bühnen erleben kann und auch nur an ganz besonderen Tagen. Der Premierenabend von "Sechs Tanzstunden in sechs Wochen" war ein solcher Tag.

Soundtrack des Abends ist Judy Garlands "Get Happy". "Forget your troubles, c'mon get happy. You better chase all your cares away", klingt es zu Beginn aus den Landsprechern, "Forget your troubles" singen die Protagonisten Michael ( René Oltmanns) und Lily (Marion Nitsch) flüsternd und brüchig, als die Tragik der Situation mal wieder nicht mit anderen Worten aufzulösen ist. Die Textzeilen werden zum Mantra zweier bis ins Mark verletzter Seelen, die zum ersten Mal in ihrem Leben aus den Rollen schlüpfen können, die die Gesellschaft - mit ihren Erwartungen und Vorurteilen - für sie vorgesehen hat und die sie unhinterfragt ausfüllen. Nun aber, in Lilys kleinbürgerlicher Witwenwohnung, mit sauber aufgestellten Sofakissen und über überquellender Hausbar, streifen sie sich gegenseitig diese Hüllen ab und stehen emotional nackt voreinander. Anfangs unsicher und verschämt. Doch mit jedem Tanz, jedem Gespräch werden sie selbstbewusster - und sich ihrer selbst bewusster.

Michaels Rolle ist die des prätentiösen, stets etwas zu aggressiven, homosexuellen Tanzlehrers, Lily ist eine verwitwete "alte Schachtel", nicht eigenständiger Mensch, sondern noch immer Ehefrau ihres vor Jahren verstorbenen Mannes, einem konservativen Baptistenprediger. So sehr ist sie in dieser Rolle gefangen, dass sie anfangs so tut, als lebe er noch. Als Michael, der zuvor selbst über seine Sexualität gelogen hat, ihre Lüge aufgedeckt, erklärt sie sich mit einer wundervollen Metapher: "Solange jemand deine Hand hält, bist du dreidimensional". Gerade als Frau, gerade im Alter. Deswegen meidet sie seit Jahren Gesellschaft, einer ihrer wenigen Kontakte ist die Hass-Freundschaft zur Nachbarin in der Wohnung unter ihr, die vor allem über entnervte Telefonate läuft. Als sie die Einsamkeit nicht mehr erträgt, bestellt sie sich einen Tanzlehrer nach Hause, es ist Michael. Auf den ersten Blick trennen die beiden Welten. Weil sie es aber schaffen, einander ehrlich zuzuhören, werden die beiden Einsamen letztlich beste Freunde.

Das erste Treffen wird fast zum Desaster, die gegenseitigen Vorurteile treten zum Florettkampf an, beide landen wirkungsvolle Treffer, die Fassaden werden aufgeschlitzt. Das schmerzt, Lily will Michael rauswerfen, der appelliert auf Knien an ihr Mitgefühl. Und weil glücklicherweise diese Stelle schon freigelegt ist, darf er doch noch seinen rosa CD-Spieler anwerfen. Zu "Bei mir bist du schoen" swingen sich die beiden langsam aufeinander zu, finden vorsichtig einen gemeinsamen Rhythmus. Es wird kurz dunkel, Michael und Lily treten ab und das Publikum wird noch einen Moment eingehüllt von der Musik. "And when you came in sight, dear, my heart grew light. And this old world seemed new to me"

Nach und nach erzählt das 2001 von Richard Alfieri geschriebene Stück nun die Lebensgeschichten des Duos. Lily war in ihrer Jugend durchaus freigeistiger, war in der konservativen Ehe nie glücklich, hat sie aber lange ertragen. Vollständig zerbricht sie, als die gemeinsame Tochter unehelich schwanger wird. Der Mann verbietet den Kontakt, sie fügt sich. Das Mädchen sieht eine Abtreibung als einzigen Ausweg. Sie stirbt bei dem illegalen Eingriff und ihre Mutter innerlich mit ihr. Nun hat sie erst recht keine Kraft mehr, sich zu lösen, sie bleibt eine provisorisch zusammengeklebte Hülle und tut das, was sie gelernt hat: funktionieren statt fühlen. Es ist eine Zeit, in der das Ausleben von Homosexualität reicht, um gesellschaftlich geächtet zu werden. Also erträgt er es, als seine Affären ihn misshandeln, nimmt ihre Schläge an wie eine christliche Selbstgeißelung. Jede Narbe verstärkt als neues Glied sein Kettenhemd aus Zynismus und Selbsthass. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, ist es nur richtig, dass er nicht geliebt wird.

Ein Text, der so viele Tragöden und Emotionen aufbietet, läuft permanent Gefahr, in plumpen Seifenoper-Kitsch abzurutschen. Dass genau das an der Neuen Bühne nicht passiert, ist der Verdienst von drei Menschen: Nitsch und Oltmanns, die ihre Rollen beeindruckend spielen. Nein, sie spielen sie nicht wirklich, sie fühlen sie, sie sind Lily und Michael. Und sie verschmelzen und einem traumhaft harmonierenden Bühnenduo. Und dann ist da noch die Regisseurin Petra Wintersteller, die dem Text an genau den richtigen Stellen seinen Witz lässt und das Tempo immer da anzieht, wo es nötig wird. Und so wird "Sechs Tanzstunden in sechs Wochen" zu einem Saisonabschluss an der Neuen Bühne, der alle, die ihn sehen, mit einem guten Theaterfühl durch die Spielzeitpause trägt.

Florian J. Haamann

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