Neue Bhne Bruck
Brucker SZ, 01.10.2017

Psychologie der Rache

Philipp Jescheck zeigt an der Neuen Bühne eine eindringliche Elektra

von Valentina Finger, Fürstenfeldbruck

Im Jahr 1913 führte Carl Gustav Jung den Elektrakomplex in die Psychologie ein. Als Gegenstück zu Sigmund Freuds Ödipuskomplex beschreibt er die Bindung der Tochter zum Vater bei gleichzeitiger Rivalität zur Mutter. Freud tat die Theorie als unhaltbar ab. Einen namensgebenden Präzedenzfall konnte Jung immerhin vorweisen: Um den Mord an ihrem Vater zu rächen, will die Königstochter Elektra ihre Mutter tot sehen. Ihre Rache steht im Fokus der Tragödie "Elektra" von Hugo von Hofmannsthal, die unter der Regie von Philipp Jescheck an der Neuen Bühne Bruck gezeigt wird.

Als "Elektra" 1904 veröffentlicht wurde, hatte die Psychoanalyse ihre Hochzeit. Es ist kein Wunder, dass sich das Drama einer entsprechenden Interpretation geradezu aufdrängt. Jescheck hat das psychologische Potenzial des Stoffs mit viel Raffinesse weitergesponnen. Es ist der Kontrast aus dem feinsinnigen Umgang mit dem Text und der brutalen Körperlichkeit der Umsetzung, der die Inszenierung zu einem verstörend fesselnden Spektakel macht. Die Charaktere sind auf vier reduziert, die von Claudia Dzsida, Marion Nitsch, Rilana Nitsch und Valentin Stückl gespielt werden. Diese Reduktion wird bei Jescheck zum Ausgangspunkt für eine ständige Vervielfältigung der Figuren. Elektra gibt es je nach Szene zwei oder gar drei Mal. Die Darstellerinnen spielen sie abwechselnd, gleichzeitig oder im Zwiegespräch mit sich selbst. Sprechen sie im Chor, wirken sie wie die drei Moiren, die Schicksalsgöttinnen, die sich in der düsteren Gruft-Atmosphäre der Bühne daran machen, die Lebensfäden des Mörderpaars Klytämnestra und Aigisth zu durchtrennen.

Elektra ist hier nicht nur die hysterische Rächerin. Drei verschieden tapezierte Wände illustrieren ihre Vielseitigkeit. An einer Wand hängen Hochzeitsbilder der Eltern. Sie mögen für die Vergangenheit stehen, die die Bluttat der Mutter besudelt hat. Eine zweite zeigt Kinderzeichnungen: Prinz und Prinzessin oder Vater, Mutter, Kind. An eine solche Zukunft glaubt Elektra nicht mehr. Nur ihre Schwester Chrysothemis, gespielt von Dzsida, hält noch an der Hoffnung auf eigenes Eheglück fest. Elektra hingegen ist an die dritte Wand gebannt. Die wütenden Krakeleien darauf packen ihr Inneres in Worte: "Ich hasse dich", steht dort, und mehrmals "Rache".

Mehrdimensionalität ist die Triebkraft der Inszenierung, nicht nur in der Charakterzeichnung, auch in deren Visualisierung. Videos ergänzen oder unterbrechen die Reden von Chrysothemis oder Klytämnestra. Das Besondere an Jeschecks Herangehensweise ist, dass die psychologische Tiefe des Stücks mit allen Sinnen greifbar gemacht wird. Der physische Kontakt dominiert das Zusammenspiel, stets ist da eine Hand die drückt, schubst oder schlägt. Es ist wie eine Geisterbahn mit lebenden Schreckgestalten, eine traurige Horrorfahrt in tiefste Gefühlswelten, die Jescheck und seine Schauspieler aus dem antiken Stoff machen. Um sich zu amüsieren, schaut man sich diese Elektra nicht an. Um eindrückliche Theaterarbeit zu sehen, sollte man es dafür unbedingt tun.



Fürstenfeldbrucker Tagblatt, 07.10.2017

Tragödie Elektra setzt das Publikum unter Strom

Eine Frau, ein Mord – nichts anderes kreist durch Elektras Gedanken als der Tod ihres Vaters, nichts anderes hat Platz in ihrem Leben. Der Vater wurde von der Mutter und ihrem Geliebten umgebracht. Alle wollen das gern vergessen und zur Tagesordnung übergehen, doch Elektra prangert unablässig das Unrecht an.

Fürstenfeldbruck – In einer Inszenierung von Philipp Jescheck verwandelt die Neue Bühne Bruck die antike Tragödie, basierend auf der Theaterversion von Hugo von Hofmannsthal, in eine mitreißende, zeitlose Seelenreise.

So ausschließlich, wie der Vatermord Elektras Denken, Fühlen und Handeln bestimmt, so ausschließlich beherrscht die Figur das Stück. Umwerfend dargestellt wird die Titelheldin von Rilana Nitsch – Profischauspielerin mit einigen TV-Lorbeeren –, Marion Nitsch und Claudia Dzsida. Schwarz gekleidet, weiß geschminkt und hohläugig verkörpern die drei Frauen Elektras unterschiedliche Seiten – Hass und Rachegedanken, Verzweiflung und Entschlossenheit, aber auch eine verschüttete Weichheit und Sehnsucht nach Liebe.

Elektra ist eine Gefangene – gefangen in traumatischen Erinnerungen

Die drei bewegen sich zwischen Wänden, die Elektras Innenleben nach außen kehren. Da sind Bilder über Bilder der Mutter und ihres verhassten Geliebten, da stehen in schwarzen Lettern immer wieder die Worte „Schuld“, „Mörder“, „Ich hasse dich“. Und da sind kindliche Bilder von Blumen, Schmetterlingen und Marienkäfern. Elektra ist eine Gefangene in diesem Stück – nicht nur gefangen in traumatischen Erinnerungen, sondern auch gefangen im Elternhaus. So lange sie nicht nachgibt und den Mund hält, wird sie hier eingekerkert bleiben – und mit ihr die Schwester, die nichts lieber will als hinaus in die Welt und eine Familie gründen („Ich kann nicht sitzen und ins Dunkel starren wie du“).

Doch egal, wie sehr sie fleht, egal auch, wie sehr die Mutter nach Verständnis und Vergebung trachtet – Elektra bleibt unbeugsam („Du redest von dem Mord, als wär’s ein Streit vorm Abendessen“). Marion Nitsch und Claudia Dzsida schlüpfen zwischendurch leicht und scheinbar mühelos in die Rollen von Mutter und Schwester, während Rilana Nitsch mit jeder Faser in der Figur der Elektra aufzugehen scheint. Regisseur Philipp Jescheck will die Sicht seiner Heldin wie aus einem Cockpit darstellen und setzt Videos ein, um die Distanz und Kälte der sie umgebenden Welt deutlich zu machen.
Zuletzt erscheint der totgeglaubte Bruder Orest in Gestalt des Nachwuchsschauspielers Valentin Stückl – ein Auftritt, mit dem der 19-Jährige am Premierenabend ein mehr als überzeugendes Debüt hinlegte. Mit ihm kann Elektra ihre Rachepläne in die Tat umsetzen und anschließend endlich sagen: „Jetzt fängt ein Leben an für mich."

Ulrike Osman


Weitere Informationen zu "Elektra" finden Sie unter Stcke.

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