Neue Bhne Bruck
Brucker SZ vom 19.09.2017

Partnersuche als Abendveranstaltung

Der Neuen Bühne Bruck gelingt eine rasante Inszenierung der Speed-Dating-Komödie "Shoppen", bei der die Besucher erst viel zu lachen haben, bevor langsam das tragische Moment zu wirken beginnt

Von Florian J. Haamann, Fürstenfeldbruck

Pünktlich, ordnungsliebend, diszipliniert, oberflächlich höflich, dafür emotional schwer von Begriff, der Körper von harter Büroarbeit geschunden (Bandscheibenvorfall L4/L5): Falk (Philip Schultheiß) verkörpert all das, was von den von manchen hochgeschätzten preußischen Tugenden noch übrig ist und versteht trotzdem nicht, warum er die Frau fürs Leben noch nicht gefunden hat. Und so vertritt er tapfer sein Stereotyp beim turbulenten Jahrmarkt der Single-Archetypen an der Neuen Bühne Bruck. Zehn von ihnen schickt Regisseur Harald Molocher bei seiner Inszenierung von "Shoppen" auf die Bühne zum Speed-Dating.
Und die zehn Schauspieler geben sich größte Mühe, bei diesem Parforceritt nicht den Atem zu verlieren. Denn Molocher mutet ihnen einiges zu: Das Stück funktioniert nur, wenn jeder seine Rolle zu 100 Prozent trifft, das Klischee lebt. Es gibt kein Bühnenbild, keine großen Gesten, nur Dialoge. Und die werden wie mit dem Drucklufttacker in die Ohren der Besucher geheftet. Immerhin muss jedes der 25 möglichen Paare (fünf Männer, fünf Frauen) zumindest einmal kurz miteinander interagieren - die Spanne reicht vom kurzen Wortgefecht bis zum längeren Gespräch. Und die bringt das Ensemble durchweg ordentlich rüber, mit einigen Ausreißern nach oben. Allen voran der bereits genannte Falk, der Dank Schultheiß' Darstellung in allen Begegnungen wirkt wie ein Bauer bei einer britischen Abendgesellschaft des 19. Jahrhunderts, der überhaupt nicht versteht, was da gerade passiert und weshalb die Frauen so reagieren, wie sie reagieren. Etwa wenn Irina (Silvie Stollenwerk) verzweifelt klagt, wie sehr sie ihr Job als Pflegerin körperlich überfordert. Zu klein sei sie für die vielen großen Menschen, jeden Abend habe sie Schmerzen im Rücken. "Dann mach doch Rückentraining", ist alles, was Falk, der Controller, dazu zu sagen weiß, seine Augen zeigen deutlich die Überforderung durch die emotional aufgewühlte Frau.
Und so strotzen fast alle Zusammentreffen von Missverständnissen, falschen Erwartungen und Egoismen. Bei Mediha (Anne Distler) ist der Partner eigentlich egal, sie erzählt sowieso nur, was ihr spontan im Kopf umgeht. Ernährungsberaterin Carmen (Sonja Heringer) geht es nur um Sex, ebenso wie Jürgen (Alexander Schmiedel), der gerade aus Garmisch in die Stadt gezogen ist - kein Wunder, dass die beiden am Ende zusammenfinden. Jens (Theiss Heidolph) ist so romantisch, dass es den Frauen zuviel wird, Patrick (Michael Vögele) ein Aufreißer, der stets nach Schema X vorgeht und Jörg (Patrick Meier) versucht als Hipster-Hobbykoch sein Glück. Und dann sind da noch Susanna (Julia Ströhle) und Susanne (Kerstin Krefft). Erste ist Yoga-Lehrerin, zweite nach eigenen Angaben von Hause aus vermögend - und von der Welt zermürbt. Zwar hat sie deren Mechanismen verstanden, oder glaubt es zumindest, allerdings hilft ihr das auch nicht, beim Streben nach Glück und nach einem Mann.
Und so offenbart diese rasante und höchst unterhaltsame Partnervermittlungskomödie schnell einen tieftragischen Kern, der viel über die moderne Gesellschaft und Beziehungen erzählt. Hier sind Menschen, die auch nicht mehr oder weniger Fehler und Ticks haben als andere, die es aber noch stärker verlernt haben, ordentlich zu kommunizieren, die eigenen Bedürfnisse auszudrücken, aber auch zuzuhören und auf einander einzugehen. Freilich gibt es auch schrecklich gestrige Typen wie Patrick, für den die Frau ein Konsumgut ist und der nicht damit klar kommt, dass dieses plötzlich mitreden und seinen "Konsumierer" selbst wählen will. Dass bei aller Tragik das Nachdenken erst lange nach dem Lachen einsetzt, liegt an der guten Schauspielleistung und der rasanten Inszenierung.



Fürstenfeldbrucker Tagblatt vom 20.09.2017

"Shoppen" ist zum Schießen

Zehn Großstadt-Singles werden beim Speed-Dating aufeinander losgelassen – große Egos mit hohen Ansprüchen, für welche die Suche nach Liebe so ist wie „Shoppen“. Die Neue Bühne Bruck bringt eine Beziehungskomödie auf die Bühne, die zum Schießen ist. 

Fürstenfeldbruck – Attraktive, erfolgreiche Menschen, die alles haben, nur nicht den passenden Partner, sind die komischen Helden dieser Beziehungskomödie. Der Film war 2007 ein großer Erfolg, und die Theaterversion der Neuen Bühne Bruck (NBB) hat es verdient, ebenfalls einer zu werden. „Shoppen“ ist zum Schießen. Unter den Darstellern begegnet der NBB-Fan alten Bekannten, aber auch neuen Gesichtern.

Intendant und Regisseur Harald Molocher sah den Film vor einem Dreivierteljahr und war so begeistert, dass er sich auf die Suche nach einer Theaterversion machte. Und tatsächlich gibt es eine, geschrieben von Jürgen Popig, Dramaturg und Autor aus Esslingen. Popig hat sich gehütet, die brillanten Dialoge anzufassen. Er hat lediglich die Zahl der Figuren von 18 auf zehn reduziert. Und er beweist, dass „Shoppen“ auch ohne Filmschnitte und reale Schauplätze funktioniert. Ein Podest mit zwei Stühlen, auf denen sich die wechselnden Paarungen gegenübersitzen – das reicht vollkommen.
Man glaubt Harald Molocher aufs Wort, wenn er erzählt, dass es Spaß gemacht habe, die verschiedenen Typen herauszuarbeiten. Man erkennt sie alle wieder – den präpotenten Aufreißer im weißen Blazer, die plappernde Kosmetikerin, den ganzen Kerl vom Lande, die gelassene Yoga-Lehrerin. Die naive Krankenschwester, die nicht merkt, wenn man sie auf den Arm nimmt. Die vegane Sportgranate, die jeden Kerl am liebsten gleich flachlegt („Sex ist mein Hobby“). Und den netten Normalo, der mal ein guter Familienvater wird. Da prallen die Temperamente aufeinander, dass es eine wahre Freude ist. Man stößt sich gegenseitig vor den Kopf, gerät nach zwei Sätzen in Streit, redet aneinander vorbei, macht sich an, törnt sich ab, erwischt sich auf dem falschen Fuß und tritt zielsicher ins Fettnäpfchen. Der andere soll alle Erwartungen erfüllen, wie widersprüchlich sie auch sein mögen. („Eifersüchtig muss er sein, das ist gut fürs Selbstbewusstsein. Und tolerant, falls mir doch mal ein Ausrutscher passiert.“) Aber es gibt auch die Momente, in denen spontane Harmonie aufblinkt. Wer wird hinterher wen wiedersehen wollen? Ist Speed Dating tatsächlich der schnelle Weg ins Glück?

Zehn Darsteller in der richtigen Altersgruppe zu finden – das gab das bestehende NBB-Ensemble nicht her, doch Molocher wusste sich zu helfen. Er holte zwei Schauspielerinnen aus der Familienpause zurück und lockte einen seiner Techniker aus dem Hintergrund ins Rampenlicht. Und was für eine Entdeckung. Großartig spielt Philip Schultheiss den hölzernen Falk, der sich dem Projekt „Einzig-wahre-Liebe-Finden“ mit Klemmbrett und Fragenkatalog nähert. Willst du mal Kinder? Hast du irgendwelche Allergien?
Ein begeistertes Publikum feierte die Premiere zurecht mit ausdauerndem Applaus.

Ulrike Osman


Weitere Informationen zu "Shoppen" finden Sie unter Stcke.

Zum Vergrößern klicken!
Zum Vergrößern klicken!
Zum Vergrößern klicken!
Zum Vergrößern klicken!
Zum Vergrößern klicken!
Zum Vergrößern klicken!
Zum Vergrößern klicken!
Zum Vergrößern klicken!
Zum Vergrößern klicken!