Neue Bühne Bruck
SZ online, 18. Februar 2018

Komödie zum Nachdenken


Harald Molocher leistet mit der Inszenierung von "Paradiso" an der Neuen Bühne Bruck psychologische Feinarbeit. Das Premiere überzeugt mit lebendigen Dialogen und der pointierten Darstellung einer rührenden Freundschaft

Man ahnt es schon: Es wird nicht gut gehen. Und weil man es schon ahnt, stellt das Stück das fürchterlich unangenehme Ende einfach an den Anfang. Ja, sie wird die Alte ins Altenheim stecken. Das ist herzzerreißend, aber das Publikum will unterhalten werden und deshalb geht es wieder zurück an den Anfang, als "Paradiso" noch nicht der euphemistische Name für ein Seniorenheim war, sondern lediglich der Titel der 2008 entstandenen Komödie von der österreichischen Bühnenautorin Lida Winiewicz. Intendant und Regisseur Harald Molocher zeigte am Samstag die viel bejubelte Premiere an der Neuen Bühne Bruck.
Zwei Damen, sitzen auf der Bank und unterhalten sich. Die meiste Zeit über werfen sie einander gehässige Beleidigungen an den Kopf. Die 80-jährige Martha sitzt Tag für Tag allein am See und füttert die Enten. Vicky, die etwa 30 Jahre jünger ist, setzt sich zu Martha, nicht aus Mitgefühl, sondern weil sie als arbeitslose Krankenschwester von Geldnot geplagt ist und der Alten eine Sterbeversicherung andrehen will. Daraus entspinnt sich eine ungleiche Freundschaft, die, wie sich immer wieder zeigt, auf finanzieller und sozialer Abhängigkeit beruht, aber beiden doch hilft, aus der Einsamkeit auszubrechen.
Molocher baute mit seiner Truppe für die zwei Frauenfiguren eine Rampe, die gerade mal so breit ist, dass ein Rollstuhl darauf passt, auf dem die ältere der beiden zeitweise Platz nimmt. Dieses Bild umspannt ein Rahmen aus Holz. Voilà, eine Guckkastenbühne, wie sie im Lehrbuche steht. Und die ist für "Paradiso" perfekt geeignet. Denn Winiewicz' Stück könnte für das deutsche Sprechtheater beispielhafter nicht sein: Es besteht zu 100 Prozent aus Dialogen. Alles, was passiert, ist Sprache. So ist denn auch kein Wunder, dass es in den Dialogen oft um Sprache geht.
Martha ist ehemalige Schuldirektorin mit klassisch humanistischer Bildung und einer ausgeprägten Vorliebe für das Korrigieren jeglicher grammatikalischer Unsauberkeiten. Wenn sie nicht Schillers Balladen oder Catulls Verse rezitiert, erklärt sie Vicky, warum das Wort nachvollziehen kein echtes Wort sein kann. Schließlich sei es unmöglich, etwas nachträglich zu machen, was vollzogen wurde. Gespielt wird diese stolze, bisweilen etwas gruselige, weil immer alles besser wissende Frau von der fantastischen Ellen Kießling-Kretz.

Sie ist wirklich die beste Besetzung, die für diese Rolle vorstellbar ist, und an der Neuen Bühne Bruck wahrlich kein unbekanntes Gesicht. Kießling-Kretz hat in den letzten Jahren immer wieder die schrulligen Oma-Rollen übernommen, sei es die Paulette in "Zusammen ist man weniger allein" oder die Greti in "King Kongs Töchter". Stets thematisierten ihre Figuren die Angst vorm Altwerden, die Einsamkeit und den erfinderischen, unorthodoxen Umgang damit. In "Paradiso" buchstabiert Kießling-Kretz diese diffusen Ängste aus und überzeugt mit einer Darbietung der verängstigten, aber nicht mit ihren Gefühlen zurecht kommenden Martha. Die Rolle spielt sie dermaßen passend, herrlich komisch und süffisant, dass allein dieser Schauspielkunst zuzuschauen sich lohnt.
(...)Molocher weiß, alle Vorzüge einer kleinen Bühne für seine Inszenierung zu nutzen und die Zuschauer über eineinhalb Stunden lang konstant auf Spannung zu halten.
Nicht zuletzt ist das auch der Verdienst des Dilemmas, das im Stück auf komödiantische Art verhandelt wird. Eine Gesellschaft, in der immer mehr Menschen immer älter werden, muss sich damit beschäftigen, was mit ihren Alten passiert. Ihre Erinnerungen, langsam verblassend, sind mehr wert, als viele glauben. Ihr Wissensschatz kann so manchen über den Alltag hinwegtrösten. Ihre stolzen Gemüter sind es Wert, erkannt und geschätzt zu werden. Und gleichzeitig haben all die anderen, die noch nicht das Pflegealter erreicht haben, noch ihre eigenen Leben, die sie auch wirklich leben sollten. Winiewicz schrieb eine harmlos wirkende Komödie, in der die Kritik der sozialen Wirklichkeit nicht zu kurz kommt. So tun sich die beiden Frauen anfangs bloß zusammen, weil sie voneinander abhängig sind. Die eine bedarf des Geldes, die andere der Zuwendung. Wie weit die Abhängigkeiten die beiden treiben, zeigt das Stück auf eine trotz aller bissigen Schwarzhumorigkeit liebevolle Art und Weise.
Ekaterina Kel


Brucker Tagblatt online, 27. Februar 2018

Neue Bühne thematisiert Alterseinsamkeit

Einsamkeit im Alter, Verfall, Endstation Pflegeheim – aus diesen traurigen Themen hat die österreichische Autorin Lida Winiewicz ein höchst unterhaltsames und dabei tiefgründiges Theaterstück gemacht. „Paradiso“ sorgt derzeit an der Neuen Bühne Bruck für ein volles Haus und begeisterte Zuschauer.

Fürstenfeldbruck – „Paradiso“ ist ein Zwei-Frauen-Stück. Da ist Martha, über 80, herrisch, vereinsamt und wohlhabend, eine ehemalige Schuldirektorin, die jeden Tag auf einer Parkbank sitzt und Enten füttert. Und da ist Vicky, eine arbeitslose und ebenfalls einsame Krankenschwester, die sich eines Tages unaufgefordert dazusetzt. Martha ist zunächst misstrauisch, aber bald streiten beide genüsslich miteinander. Die Darstellerinnen hauen sich die Boshaftigkeiten um die Ohren, dass es eine reine Freude ist, ihnen dabei zuzusehen. Die pointenreichen, vor Schlagfertigkeit strotzenden Dialoge offenbaren Verletzlichkeiten und unangenehme Wahrheiten – und sind dabei so witzig, dass man trotzdem lacht.

Es entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft. Bald trägt Vicky keine selbstgestrickten Jacken mehr, sondern schicke, teure Klamotten. Und Martha lässt sich mitreißen in einen späten Strudel von Lebensgenuss. Der Zuschauer sieht all dies und gibt sich trotzdem keinen Illusionen hin, denn er weiß schon, wie es ausgehen wird. Die allererste Szene nimmt den traurigen Schluss vorweg.
„Paradiso“ spielt mit Gegensätzen. Hier die humanistisch bewanderte Bildungsbürgerin, die selbst im unpassendsten Moment noch Grammatik und Ausdrucksweise ihres Gegenübers korrigiert. Dort die zupackende Pragmatikerin, die zwar kein Latein kann, aber trotzdem ihren Stolz hat und weiß, wie man überlebt. Schleichend und unvermeidlich ist der Wandel der Abhängigkeiten zwischen den beiden Frauen und schließlich der Sieg der jüngeren Generation über die ältere.

Ellen Kießling-Kretz, eine Veteranin der Neuen Bühne Bruck, hat in der Vergangenheit immer wieder in schrulligen Oma-Rollen brilliert. So ist sie auch für den Part der grantigen Alten in „Paradiso“ die denkbar beste Besetzung. Marion Nitsch, die in Bruck zuletzt in Philipp Jeschecks Inszenierung von „Elektra“ zu sehen war, schafft den überzeugenden Gegenpart. Unter Harald Molochers feinfühliger Regie laufen beide zur Hochform auf und genießen es sichtlich, dieses schmerzhafte und doch warmherzige Stück lebendig werden zu lassen.
Ulrike Osman

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