Neue Bhne Bruck
Kaspar Häuser Meer
von Felicia Zeller
(Premiere: Januar 2016)



Björn liegt mit "Björn-out" im Krankenhaus und hinterlässt seinen drei Kolleginnen vom Jugendamt 104 ungelöste Fälle von akuter Kindeswohl-Gefährdung. Barbara, Silvia und Anika drohen im Kaspar Häuser Meer unterzugehen. Zwischen Überforderung, Bürokratiewahnsinn und der nach Sensationen lechzenden Presse, werfen sie sich in einen atemlosen Wettlauf mit der Zeit, getrieben von ihrem Ideal zu helfen, bevor es zu spät ist.

In diesem ernsten Thema findet Felicia Zeller den Witz der Absurdität und so entsteht ein grandios komisches und zugleich tief trauriges Stück.

Ein Geniestreich der Autorin war es, nicht die Opfer und nicht die Gewalttäter zu zeigen, sondern ihre Begleiter und Betreuer - also die Gesellschaft und ihr Klima. Felicia Zellers Stück "Kaspar Häuser Meer" ist Sprachmusik über und aus unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit. Kein Sozialdrama, kein Betroffenheitsschmus, sondern Theaterkunst. (aus der Laudatio des Theaterkritikers Hartmut Krug zur Verleihung des Publikumspreises beim Mülheimer Stücke-Wettbewerb 2008)

Dieses Hinterherhinken bei gleichzeitigem Bemühen darum, schneller zu sein, prägt die berufliche Existenz im Allgemeinen Sozialen Dienst. Die große Sehnsucht nach Prävention, die nicht einlösbar ist, durchdringt ihrer aller Sprechen ... Scheitern beschreibt hier nicht einen Skandal, sondern ist auszuhaltender Teil der Arbeit: Helfen mit Risiko. (Felicia Zeller)

Regie: Philipp Jescheck

mit Anne Distler, Lisa Drothler und Friederike Peters

Empfohlen ab 16 Jahren.



Edith Schmied, Süddeutsche Zeitung, 11. Januar 2016 (Die komplette Kritik finden Sie hier.)
Leben mit dem Scheitern

Die aktuelle Inszenierung der Neuen Bühne Bruck beschreibt auf beeindruckende Weise den Alltag in einem deutschen Jugendamt. Dabei gelingt dem Regisseur Philipp Jescheck eine Inszenierung die nachdenklich macht, aber nicht verzweifelt

Die erste Szene im [...] Büroalltag eines Jugendamtes hat durchaus etwas Slapstickhaftes. Hektisch und überdreht schwirren drei Sozialarbeiterinnen mit fliegenden Fahnen zwischen Kartons und Telefon hin und her, hacken dazwischen in bizarrem Psychologen- und Behördenkauderwelsch die Beurteilungen ihrer Fälle in den Computer. Doch der lockere Einstieg täuscht. Im aktuellen Stück der Neuen Bühne Bruck "Kaspar Häuser Meer" geht es um das Tabuthema Vernachlässigung und Verwahrlosung von Kindern und die oft kritisierte Arbeit von Jugendämtern. [...]

Ohne Frage, die Betroffenheit im Publikum ist hautnah zu spüren. [...] Besonders dann, wenn die Stimme aus dem Off konkrete Verwahrlosungsszenarien fast gleichgültig, dafür umso eindringlicher schildert, wird es im Zuschauerraum ganz still. Es sind Fakten, die die Autorin selbst in Jugendämtern recherchiert hat.

Dass die Beklemmung an diesem Abend nicht überhandnimmt, liegt an der besonderen Sprachakrobatik der Autorin. [...] Überarbeitung und Stress in den Amtsstuben, realitätsferne Gesetze setzt sie in groteske Momente und absurde Szenen um. [...] Man darf also durchaus ohne schlechtes Gewissen befreit lachen. [...]

Auf recht unterschiedliche Art gehen die drei Frauen mit ihrer Situation um [...]. Am Rande eines Nervenzusammenbruchs bewegen sich alle drei. Barbara (Anne Distler), das ist die Abgebrühte mit 20 Jahren Berufserfahrung. [...] Genial, wie sie die geistigen Verrenkungen ihres Chefs und das Drücken um eine Entscheidung pantomimisch darstellt. Anika (Lisa Drothler), das ist die Junge, Idealistische. Auch sie hat ihren grandiosen Auftritt wenn sie das Missverständnis einer mexikanischen Familie um gegenseitige Geldforderungen darstellt. [...] Und schließlich Silvia (Friederike Peters). Sie kommt, rein äußerlich, am allerwenigsten mit ihrer Situation klar. [...] Hautnah schildert sie, wie sie sich endlich Zutritt zu einer vermüllten Wohnung verschafft und ein völlig verwahrlostes Kind vorfindet. Dem kann man sich als Zuschauer kaum entziehen. Fast poetisch entwickelt sie das Bild von Überarbeitung. Die Kolleginnen hängen wie verwelkte Pflanzen über den Schreibtischen.

[...] "Die große Sehnsucht nach Prävention ist nicht einlösbar", lautet die Erkenntnis von Felicia Zeller. Das Scheitern beschreibt ihrer Meinung nach nicht einen Skandal, es ist auszuhaltender Teil der Arbeit. Das Brucker Publikum honorierte die beeindruckende Leistung von Darstellerinnen und Regisseur mit viel Applaus. Ein sehenswertes Theaterstück, das trotz der Brisanz des Themas den Zuschauer nicht depressiv zurücklässt.

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