Neue Bhne Bruck
Tschick
Nach dem gleichnamigen Roman von Wolfgang Herrndorf, Bühnenfassung von Robert Koall
(Premiere: September 2012)

Es ist der erste Tag der Sommerferien. Maiks Mutter fährt mal wieder in die Entzugsklinik, der Vater mit seiner jungen Assistentin auf „Geschäftsreise“. Und Maik ist nicht zur Party des Jahres bei seiner angebeteten Tatjana eingeladen.

Da taucht Tschick vor Maiks Haustür auf, in einem geklauten Lada. Tschick ist neu in Maiks Klasse, ein „Assi“ aus der Hochhaussiedlung, öfters betrunken, möglicherweise Russenmafia. Und weil Tschick beschlossen hat, Maik zu mögen, und Maik keine Freunde und gerade nichts Besseres vorhat, brechen sie auf in Richtung Wallachei, um „Urlaub zu machen wie normale Leute“.

„Tschick“ ist die Geschichte eines sommerlichen Road-Trips durch Orte mitten im Nirgendwo und fehlplatzierte Gebirgszüge, bevölkert von seltsamen, aber häufig entwaffnend freundlichen Menschen. Witzig, herzerwärmend und einfach zum Heulen schön.

„... vielleicht stimmte das ja auch, und der Mensch
war zu 99 Prozent schlecht. Aber das Seltsame war,
dass Tschick und ich auf unserer Reise fast
ausschließlich dem einen Prozent begegneten, das
nicht schlecht war.“


mit Georg Habbel, Ellen Kiessling-Kretz, Laura Quinten, Anna Schmidt, Patrick Schmidt und Kilian Steinmann

Regie: Veronika Wolff

Regieassistenz: Felix Ebner

Bühnenfotos: Felix Ebner



Brucker SZ vom 06.10.2012:

Die Lada-Connection

(...) Die Komödie von Robert Koall nach dem preisgekrönten Roman von Wolfgang Herrndorf rührt, ohne zu beschweren, und ist lustig, ohne ins Lächerliche abzudriften. Eine perfekte Wahl also für den Saisonauftakt der Neuen Bühne Bruck, wo das Stück seit letzter Woche zu sehen ist.
"Tschick" ist ein jugendliches Abenteuer, wie man es sich wünscht, erlebt zu haben. Maik Klingenberg, gespielt von Patrick Schmidt, ist 14 Jahre alt, aus wohlhabendem Hause, doch in der Schule ein Außenseiter. Tschick (Kilian Steinmann), eigentlich Andrej Tschichatschow, stammt aus einer russischen Immigrantenfamilie, kommt betrunken zum Unterricht und ist, so Maik, ein richtiger "Assi". Trotzdem freunden sich die beiden an, brechen gemeinsam zu einem Ausflug in einem gestohlenen Lada auf und landen schließlich überall, nur nicht am Ziel. Das war ursprünglich die Walachei, Heimat von Tschicks Großvater, die es aber laut Maik ebenso wenig gibt wie jüdische Zigeuner. Immerhin könne man im echten Leben nur entweder Zigeuner oder Jude sein.
Es folgt eine irrwitzige Autotour, ohne Auto, aber auf Stühlen und mit einem losen Lenkrad inszeniert. Wen die Freunde dabei alles treffen, das ist ein humorvoller Schlagabtausch der Superlative: die vorlaute Ausreißerin Isa, gespielt von Laura Quinten, die Maik von seiner unerwiderten Liebe zur Klassenschönheit Tatjana (Anna Schmidt) ablenkt, macht aus dem Duo kurzzeitig ein Trio und Georg Habbel als bewaffneter Ex-Kommunist Fricke hat nicht nur diverse Lebensweisheiten parat, sondern auch zwei Zentimeter Hornhaut auf dem rechten Zeigefinger. Ein Highlight ist Ellen Kiessling-Kretz in der Rolle der konfusen Sprachtherapeutin, die Maik und Tschick nach einem Unfall auf dem Weg ins Krankenhaus darüber aufklärt, dass der Mensch wie eine Zahnpastatube funktioniert, bei der oben was rauskommt, wenn man unten drückt. Als Maiks daueralkoholisierte Mutter verbringt sie die meiste Zeit auf der Beautyfarm, die eigentlich eine Entzugsklinik ist, und als Öko-Provinzlerin lädt sie die Freunde kurzerhand zu einer Portion Risi-Bisi oder, in Tschicks Worten, "Reis mit Pampe" ein. Zwischendrin wird inmitten von Holundersträuchern über außerirdische Army-Insekten philosophiert. Tschik, der mit Kilian Steinmann nicht idealer hätte besetzt sein können, entpuppt sich im Laufe dieser Gespräche allen Vorurteilen zum Trotz als überraschend weltgewandt. Maik, von Patrick Schmidt nicht minder optimal verkörpert, ist indessen das perfekte Beispiel dafür, wie wertlos eine Scheinidylle wird, wenn der Vater zum Sommerurlaub mit der Geliebten aufbricht, weil die Mutter nie nüchtern ist.
Was Regisseurin Veronika Wolff hier gekonnt umgesetzt hat, ist im Grunde eine Geschichte über Freundschaft und das gemeinsame Erwachsenwerden. Da bringt ein russischer Einwanderer einem vernachlässigten Immobilienmakler-Sohn bei, wie man lebt, Herkunft und Hintergrund werden zu Nichtigkeiten. "Tschick" ist authentisch, lustig und lebensnah, ein mitreißender Roadtrip, weit entfernt von amerikanischen Highway-Klischees. Es geht um das Gute im Menschen, das das Schlechte übertönt, auch wenn das in der Misstrauensgesellschaft gern in Vergessenheit gerät. Denn, so stellen die Freunde am Ende ihrer Reise fest, angenommen 99 Prozent der Menschen wären schlecht, begegnen die beiden im Laufe ihres Trips genau dem einen Prozent, das gut ist.
Valentina Finger


Brucker Tagblatt vom 2.10.2012:

Roadtrip geschickt auf die Bühne gebracht

Ein gelungenes Road-Theater hat an der Neuen Bühne Bruck Premiere gefeiert: "Tschick", nach dem Erfolgsroman von Wolfgang Herrndorf.

Die Bühne ist fast leer. Jemand humpelt in die Dunkelheit, stellt sich in die Mitte. Als das Licht angeht, sieht das Publikum Maik Klingenberg, gespielt von Patrick Schmidt. Dass Maik einige Probleme hat, erkennt man nicht nur an der Krücke, sondern auch an den sich wüst beschimpfenden Eltern hinter der Bühne. Denn Maik, 14 Jahre, Einzelkind, reiche aber zerstrittene Eltern, hat Scheiße gebaut.(...) Mit dem etwas älteren Andrej "Tschick" Tschichatschow (Kilian Steinmann) ist Maik in einem geklauten Auto weggefahren, um "Urlaub zu machen wie ganz normale Leute". Dass der Urlaub nicht ganz normal werden konnte, war schon am Urlaubsziel abzusehen: Die Walachei, wo Tschicks Onkel angeblich wohnt.(...)
Regisseurin Veronika Wolff hat das Ganze auf ein paar Stühle und ein Lenkrad reduziert. Der Rest ist der Fantasie der Zuschauer überlassen. Lediglich Licht und Ton tragen zum Verständnis bei. In einer Szene an einem See, durch blaues Licht nur angedeutet, halten Maik und Tschick die Schwimmbewegungen machende Isa (Laura Quinten) waagrecht in der Luft und lassen sie ins Wasser tauchen.(...)
Wolff bedient sich einiger unkonventioneller Mittel - etwa der Zeitlupe. Maik und Tschick krachen auf der Autobahn in einen Lastwagen. Die erzählte Zeit wird langsamer und aus dem Off ertönt Maiks Stimme, die schildert, was er sieht und denkt. So schafft es die Regisseurin, eine ungeheure Spannung aufzubauen.
Mit "Tschick" hat Wolff ein sehr gutes Roadtheater für Jugendliche auf die Bühne gebracht, das auch für Erwachsene lohnend ist. Das Zusammenspiel der Schauspieler funktioniert problemlos. Schmidt und Steinmann gehen in ihren Rollen auf und sind niemals unglaubwürdig. Besonders erwähnenswert ist Laura Quinten. In ihre Isa dürften sich noch andere 14jährige als Maik verlieben. Bei der Premiere war ein großer Prozentsatz etwas älter. Doch auch jüngere sollten sich das Stück nicht entgehen lassen.
Max Riegel

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