Neue Bhne Bruck
Der Hässliche
von Marius von Mayenburg
(Premiere: Februar 2012)

Herr Lette macht eine grausige Entdeckung: Anscheinend ist er selbst unsäglich hässlich. Warum hat man ihm das bislang nie gesagt? Warum muss ausgerechnet sein Chef ihn darauf stoßen, als es um eine Dienstreise zu einem Kongress geht, auf dem Lette endlich seine neueste Erfindung präsentieren wollte? Nun fährt ein ungeliebter Kollege hin und erntet fremde Lorbeeren.

Der Entschluss zur chirurgischen Korrektur ist schnell gefasst. Lettes unvermutete Wiedergeburt als unwiderstehlicher Beau macht ihn schnell zum berühmten Mann. Sein Chirurg vermarktet ihn als profitables Idealgesicht, sein Chef nutzt seine Schönheit als Lockstoff für solvente Großaktionärinnen, und Lette umgibt sich mit Groupies.

Doch der Ruhm währt nicht lange. Lettes Marktwert sinkt rapide, als er sich immer mehr Duplikaten seiner selbst gegenübersieht. Das erotische Überangebot überfordert auch seine Frau. Lettes Selbstentzweiung schreitet unerbittlich voran.

Marius von Mayenburgs bitterböse Komödie führt das verbreitete Phänomen körperlicher Entfremdung ins Groteske und hält damit eitlen Verhältnissen einen Spiegel vor.

mit Gerhard Jilka, Alexander Schmiedel, Christina Schmiedel/Sara Sukarie und Michael Stadler

Regie: Frank Piotraschke



Fürstenfeldbrucker Tagblatt vom 14.02.2012:

In der Schönheit lauert der Wahn

Botox-Stirn, Schlauchbootlippen, faltenfreie Fratzen: Erschreckend, was mancher auf sich nimmt, um schön zu sein. Auf die Spitze treibt den Schönheitswahn die Groteske "Der Hässliche" von Marius von Mayenburg. Darin ist dem Operateur sein Werk so gut gelungen, dass sich plötzlich jeder bei ihm unters Messer legt. Das schöne Antlitz wird zur massenvermarkteten Einheitsvisage. Was dabei verloren geht, ist die Individualität des Trägers. Doch wer braucht schon Persönlichkeit, wenn er schön und erfolgreich ist? An der Neuen Bühne Bruck ist eine brillante Inszenierung der Farce zu sehen.(...)
Der Zuschauer findet sich über weite Strecken in einer Boulevard-Komödie. Kalauernd-komisch ist die Sprache, schlüpfrig sind die Witze, überzogen die Figuren. Mit spürbarer Freude am Slapstick spielen Gerhard Jilka, Michael Stadler und Sara Sukarie mehrere Rollen. Sie wechseln mühelos und sekundenschnell zwischen der dauerkichernden Ehefrau, der liebestoll-kurzatmigen Alten, dem größenwahnsinnigen Operateur, dem verhuschten Assistenten und dem ödipalen Sohn. Die Gesichts-OP auf offener Bühne - mit Plastikmesser, Handstaubsauger und kaugummiknatschender Schwester zur Fahrstuhlmusik - wird zum albernen Höhepunkt.
Doch zwischen all dem Locker-Flockigen blitzt umso stärker das Verstörende hervor. Alexander Schmiedel brilliert als sich selbst suchender Lette in all seinen Facetten. Mit vollem Körpereinsatz und mitreißend stellt er in Lettes alptraumhafter Begegnung mit seinem Spiegelbild die gespaltene Persönlichkeit dar. Am Ende bleibt nur der Suizid - oder die Flucht in den Wahn. Der Sieg des Narzissmus kommt wie eine Erlösung. "Ich bin schön. Ich will mich nie mehr verlassen. Ich liebe mich."
Marion Bischof


Brucker SZ vom 16.02.2012:

Der austauschbare Mensch
In Marius von Mayenburgs "Der Hässliche" an der Neuen Bühne Bruck wird der Schönheitswahn ad absurdum geführt

(...) Brillant umgesetzt von Regisseur Frank Piotraschke greift die aktuelle Inszenierung gängige Zusammenhänge zwischen physischer Schönheit und sozialem Ansehen auf. Was oberflächlich betrachtet schlichtweg wie eine komödiantische Überspitzung eines abstrakten Gesellschaftsphänomens wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als treffender Kommentar zum Wertesystem unserer Zeit.

Geblendet von der neuen Makellosigkeit

Alexander Schmiedel spielt den Ingenieur Lette, der verstört feststellen muss, was er nie erwartet hätte: Scheinbar ist er unsagbar hässlich. Deswegen will sein Vorgesetzter Scheffler, gespielt von Gerhard Jilka, ihn nicht als Repräsentant der Firma auf einen Kongress schicken. Für Lettes Frau Fanny, von Sara Victoria Sukarie in einem raffinierten Zusammenspiel von Charme und Schamlosigkeit verkörpert, kommt das nicht überraschend. Immerin sei Lette so unansehnlich, dass sie ihm stets nur in das linke Auge, nie aber in das ganze Gesicht geblickt habe. Panisch fasst Lette einn Beschluss: Er braucht ein neues Aussehen.
Wenn sich Gerhard Jilka als Schönheitschirurg dann in rabiat-barbarischer Weise an Lettes Gesicht zu schaffen macht, offenbart sich ein herrlich polemischer Seitenhieb auf eine Branche, die mit dem menschlichen Makel Millionen verdient. Doch Lettes Operation scheint immerhin von Erfolg gekrönt: Seine Frau sieht ihm nicht nur in beide Augen, sondern ist nahezu geblendet von seiner neuen Makellosigkeit. Im Folgenden beginnt für Lette ein hedonistischer Höhenflug aus beruflichen Vorzügen und anhänglichen Bewunderern. Herrlich abgedreht ist Sara Victoria Sukaries Darbietung als reiche, alte Großaktionärin, die Lette umgarnt und deren Schminke verschmiert, weil ihre Tränenkanäle seit der letzten Gesichtskorrektur nicht mehr permeabel sind. Dass sie zudem mit ihrem Sohn, gespielt von Michael Stadler, eine Art inzestuöses Verhältnis pflegt, verleiht der Situation einen ebenso abstrusen wie schauerlichen Beigeschmack.
Als Lettes Chirurg sein Werk schließlich als das perfekte Gesicht vermarktet, gerät alles aus den Fugen. Wie eine homogene Plage nimmt nicht nur Lettes Assistent Karlmann, ebenfalls bestechend zwielichtig gespielt von Michael Stadler, Lettes Aussehen an, sondern immer mehr Menschen verfallen dieser Demokratisierung von Schönheit und imitieren dabei eine Realität, in der optische Ideale einen kollektiven Verlust von Individualität nach sich ziehen können. Bald geschieht, was geschehen muss: Lette ist austauschbar. Seinen Höhepunkt findet das Stück schließlich in Alexander Schmiedels verstörend schizophrenem Zusammenbruch: Desorientiert durch die vielen Doppelgänger verliert sich Lette in einer selbstzerstörerischen Kollision mit seinem Spiegelbild. In einem rasanten Monolog, der zugleich Dialog ist, leitet Schmiedel ein ebenso kraftvolles wie defätistisches Finale ein.
Frank Piotraschkes Inszenierung ist anspruchsvoll ohne dabei anzustrengen, und amüsiert ohne ad absurdum zu geraten. Das Ergebnis ist eine satirische Gesellschaftskritik auf hohem Niveau, die ihrem Publikum ganz diskret selbst den Spiegel vorsetzt. Denn glaubt man der Wissenschaft, ist doch kein Mensch gegen die eitle Suche nach Schönheit immun.(...)
Valentina Finger

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